
„Wir, die Völker der Vereinten Nationen (sind) fest entschlossen, künftige Geschlechter vor der Geißel des Krieges zu bewahren, die zweimal zu unseren Lebzeiten unsagbares Leid über die Menschheit gebracht hat, unseren Glauben an die Grundrechte des Menschen, an Würde und Wert der menschlichen Persönlichkeit, an die Gleichberechtigung von Mann und Frau sowie von allen Nationen, ob groß oder klein, erneut zu bekräftigen, …“
Mit diesen einfachen, aber tief bewegenden und für die Zukunft der Menschheit so unendlich wichtigen Worten beginnt die Präambel der Charta der Vereinten Nationen, die vor gut 80 Jahren verfasst wurde. Die Unterzeichner, die sich 1945 in San Francisco zusammenfinden, sind sich einig: Nach zwei verheerenden Weltkriegen sollen nun die Würde des Menschen, freundschaftliche Beziehungen zwischen den Völkern und eine Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten im Mittelpunkt des politischen Handelns stehen. Und vor allem soll es von nun an keine Kriege mehr geben – weder Präventivkriege noch Angriffskriege. Denn der über Jahrhunderte gültige Unterschied zwischen „gerechten“ und „ungerechten“ Kriegen wird von der Charta nicht mehr gemacht.
Alle Mitgliedstaaten stehen nun gleichermaßen in der Verpflichtung, ihre Streitigkeiten und Konflikte ausschließlich durch Verhandlungen zu lösen und einen friedlichen Ausgleich ihrer Interessen zu suchen – ohne Gewalt anzudrohen oder gar anzuwenden. Das gilt selbstverständlich auch für bereits ausgebrochene Kriege. „Lasst uns miteinander reden und nicht aufeinander schießen“ und „lasst uns zusammenarbeiten und einander nicht feindlich gegenüberstehen“ – das sind die Kernbotschaften der Charta der Vereinten Nationen.
Heute haben 193 Staaten die UN-Charta nicht nur unterzeichnet, sondern auch ratifiziert. Damit sollten die Prinzipien der Charta – ihr Bekenntnis zum Frieden – universelle Geltung haben, also das Fundament des internationalen Rechts für alle Staaten und alle Menschen dieser Erde bilden. Doch dem ist nicht so – auch nicht in den westlichen Ländern. Statt die Prinzipien der Charta hochzuhalten und zur Konfliktlösung auf Diplomatie zu setzen, beginnt man, uns auf einen nahenden Krieg einzustimmen. „Si vis pacem, para bellum – Wenn du den Frieden willst, bereite den Krieg vor“ heißt die Parole. Von der UN-Charta wird kaum noch gesprochen – und wenn doch, dann oft nur, um Kriege wie den seit über dreieinhalb Jahren andauernden in der Ukraine zu rechtfertigen. Welch eine Perversion einer Charta, die „Nie wieder Krieg“ und die „Würde des Menschen“ auf ihre Fahnen geschrieben hat!
Angesichts der erschreckenden Entwicklung immer zerstörerischer Waffensysteme in einer Welt, in der Sicherheit mit dem Besitz von Atomwaffen verwechselt wird, sollten wir uns wieder an die UN-Charta erinnern. Ja, sie ist heute von noch größerer Bedeutung als in der Zeit, als sie unmittelbar nach den Weltkriegen geschrieben wurde. Fanden in den drei Jahrzehnten der beiden Weltkriege rund 80 Millionen Menschen den Tod, könnte ein Dritter Weltkrieg in nur wenigen Minuten die gesamte Menschheit und alles Leben auf der Erde auslöschen.
Die Leitsätze der UN-Charta – „Nie wieder Krieg“ und der Erhalt der „Würde des Menschen“ – gewinnen dadurch an noch größerer Bedeutung. Wir werden diese Leitsätze der UN-Charta dringend benötigen, wenn diese Kriege hoffentlich einmal vorbei sind und sich die verantwortlichen Politiker zusammensetzen, um eine zukünftige globale Sicherheitsordnung zu vereinbaren.
Gerade in unserer heutigen Zeit ist es eine Herausforderung, sich für Frieden, Dialog und Verständigung starkzumachen. Wer sich für diplomatische Lösungen einsetzt, wird oft als naiv belächelt oder gar diffamiert – als „Appeaser“ oder gar als Sprachrohr fremder Interessen. Es braucht Mut, sich dem Zeitgeist entgegenzustellen.
Wir lassen uns nicht einreden, „weltfremd“ zu sein, weil wir an die Kraft des Völkerrechts glauben und die Prinzipien der Charta der Vereinten Nationen (UN-Charta) verteidigen. Letztlich sind jene, die „Kriegstüchtigkeit“ und Aufrüstung als Lösungen ansehen, weltfremd. Nachhaltige Sicherheit und ein dauerhaft friedliches Zusammenleben lassen sich nicht durch immer mehr Waffen, sondern nur durch gegenseitige Verständigung erreichen.
Denn es geht nicht nur darum, Kriege zu verhindern – es geht um die Schicksalsfrage der Menschheit: den Frieden!
Michael von der Schulenburg
ist Abgeordneter des Europäischen Parlaments für das BSW. Der ehemalige Assistant Secretary-General der Vereinten Nationen mit 34 Jahren Erfahrungen in vielen Krisen- und Kriegsgebieten der Welt hat bei Elefanten Press das Buch „Nie wieder Krieg. Die Charta der Vereinten Nationen“ veröffentlicht, dessen Einleitung und Kapitel 6 wir im Folgenden auszugsweise dokumentieren.

Deutschlands gefährliches Spiel mit dem Krieg
Als sich im Jahre 1945 – also unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges auf dem europäischen Kontinent; in Asien dauerte er noch länger – die Delegierten der 50 alliierten Staaten trafen und sich auf die Charta der Vereinten Nationen zur Nachkriegsregelung einigten, war Deutschland noch ein Feindstaat. Es sollte dann auch bis 1972 dauern, bis die damals noch zwei deutschen Staaten in die Weltgemeinschaft der Vereinten Nationen (UN) aufgenommen wurden. Und es dauerte bis 1994, bis die unter anderem auf Deutschland bezogenen Feindstaatenklauseln in der Charta von der UN-Generalversammlung als „obsolet“ (hinfällig) erklärt wurden. Diese Klauseln wurden jedoch nie aus der UN-Charta entfernt. Deutschland wird dadurch dauerhaft daran erinnert, dass seine Kriegsverbrechen einst Anlass dafür waren, eine solche Charta zu schaffen.
Die Präambel der Charta bezieht sich ausdrücklich auf die beiden Weltkriege und spricht davon, künftige Generationen vor der Geißel des Krieges zu bewahren, die zweimal in unserem Leben unsagbares Leid über die Menschheit gebracht hat. Hier sollten sich Deutsche besonders angesprochen fühlen, da viele ihrer Vorfahren für das unsagbare Leid, das in den einunddreißig Jahren der Kriege zwischen 1914 und 1945 verursacht wurde, eine schwere Verantwortung trugen.
Es waren die Kriegserklärungen Deutschlands an Russland am 1. August 1914 und zwei Tage später an Frankreich, mit denen ein lokaler Konflikt auf dem Balkan zum Ersten Weltkrieg eskalierte. Und es war die bedingungslose Kapitulation Nazi-Deutschlands am 8. Mai 1945, mit der der Zweite Weltkrieg in Europa beendet wurde. Die Rolle Deutschlands war damals vom Großmachtstreben und der Überzeugung geprägt, Kriege für sich entscheiden zu können. Die daraus resultierende Selbstüberschätzung führte bis hin zu einem mörderischen Rassenwahn, dem Millionen unschuldiger Zivilisten – Juden, Polen, Russen, Weißrussen, Ukrainer, Roma und andere als angeblich minderwertig angesehene Menschengruppen – zum Opfer fielen. Die UN- Charta sollte ein solches Inferno für alle Zukunft verhindern.
Deutsche Regierungen – auch die heutige – sollten sich daher dem Friedensgebot der UN-Charta in besonderem Maße verpflichtet fühlen. Doch scheint dies nicht der Fall zu sein. Wenn man sich die Aussagen der aktuellen Bundesregierung anhört, bekommt man den Eindruck, dass sich Deutschland wieder einmal auf dem Kriegspfad befindet. Das Klima ist von einer wahren Kriegshysterie und einem Hass gegen Russland erfüllt. Es entsteht erneut der Eindruck einer Erbfeindschaft. „Russland wird immer unser Feind sein“, so der deutsche Außenminister, oder wenn der Bundeskanzler Putin den „schwersten Kriegsverbrecher unserer Zeit“ nennt.
Hier soll keineswegs ein Vergleich mit dem NS-Regime gezogen werden – das heutige Deutschland ist ein völlig anderes. Und doch zeigen sich im Handeln der Bundesregierung so viele Parallelen zu den beiden Weltkriegen, dass man sich fragen muss, warum deutsche Politiker offenbar so wenig aus unserer Geschichte gelernt haben. Sind ihnen diese Parallelen nicht bewusst? Und sind sie wirklich überzeugt, dass es keine Alternative gibt, als auf einen Krieg mit Russland zuzusteuern?
Ist Krieg wieder legitimes Mittel der Konfliktlösung?
In den Rechtfertigungen der Bundesregierung scheint Krieg nun wieder als legitimes Mittel zur Lösung von Konflikten angesehen zu werden. Demgegenüber wäre Diplomatie nur Appeasement. Dass Deutschland damit das Friedensgebot des Grundgesetzes und der UN-Charta verletzt, wird in der deutschen Debatte schlicht ausgeklammert.
In beinahe täglichen Appellen werden wir von der Bundesregierung und den etablierten Medien auf einen Krieg mit Russland vorbereitet. Und in diesem Krieg ginge es dann wieder einmal um die Ukraine – genau wie bereits im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Hätte man nicht wenigstens dieses dritte Mal den Konflikt um die Ukraine gemäß der UN-Charta durch Verhandlungen lösen können? Wäre das nicht auch im Interesse der Ukrainer, die unsere Politik mit ihrem Blut bezahlen? Nein, einem Putin könne man nur mit Stärke begegnen, so die Parole – auch wenn das eine Ausweitung des Krieges auf Deutschland bedeuten könnte. Liegt hier unter deutschen politischen Eliten wieder einmal ein Hang zur Gewalt und eine gefährliche Selbstüberschätzung vor?
So sehen wir einen Bundeskanzler, der diesen Kriegsvorbereitungen nun höchste Priorität einräumt. Er rühmt sich für seine „Friedensdiplomatie“, verfolgt aber in Wirklichkeit eine Kriegsdiplomatie, indem er sich mit seinen Kollegen anderer EU-Staaten, dem britischen Premierminister, dem ukrainischen Präsidenten und dem Generalsekretär der NATO ausschließlich darüber berät, wie dieser Krieg doch noch gewonnen werden könne. Einen Vorschlag für Friedensverhandlungen hat er nicht – und mit Russland, wie es eine echte Friedensdiplomatie erfordern würde, spricht er schon gar nicht.
Der deutsche Verteidigungsminister nennt uns sogar bereits ein Datum: 2029, also in vier Jahren soll der Krieg losgehen. Bis dahin, so appelliert er wiederholt, müsse Deutschland kriegstüchtig sein. Das sind keine leeren Worte. Ein enormes Aufrüstungsprogramm wurde beschlossen, und Maßnahmen wurden ergriffen, um dies ohne große bürokratische Hürden schnellstmöglich umzusetzen. Die fortschreitende Deindustrialisierung Deutschlands wird gar als Chance gesehen, um durch frei werdende Kapazitäten Panzerfahrzeuge und anderes Kriegsgerät für den bevorstehenden Krieg produzieren zu können.
Der Plan sieht vor, dass sich die Verteidigungsausgaben bis zum Jahr 2029, also bis zum angepeilten Kriegsbeginn, verdreifachen – auf 153 Milliarden Euro. (Russlands Verteidigungsausgaben liegen in diesem Jahr bei geschätzten 121 Milliarden Euro.) Deutschland soll wieder die stärkste Armee Europas haben; auch das hatten wir bereits zweimal zuvor – und es ist nicht gut ausgegangen.
Nun wird auch die Wehrerfassung aller dienstfähigen Männer wieder eingeführt. Noch ist sie freiwillig, doch falls nötig, soll laut Verteidigungsminister die Wehrpflicht erneut aktiviert werden. Zudem sollen Brücken und Straßen im Schnellverfahren verstärkt werden, um schweren Panzern und Kriegsgerät die Möglichkeit zu geben, ungehindert nach Osten vorrücken zu können. Auch Krankenhäuser sollen umgerüstet werden, um auf einen möglichen Krieg vorbereitet zu sein. Und um die rechte Stimmung zu erzeugen, präsentieren sich der Bundeskanzler und sein Verteidigungsminister in voller Kampfausrüstung auf Panzern, auf Kriegsschiffen und in Kampfflugzeugen.
Um all dies zu finanzieren, hat die neue Bundesregierung erneut Hunderte Millionen Euro an neuen Krediten aufgenommen – man ist geneigt, von Kriegskrediten zu sprechen. Um parlamentarische Mehrheiten zu sichern, wurde das bereits abgewählte Parlament ein weiteres Mal einberufen. CDU/CSU, SPD, die Grünen und FDP stimmten dafür, und die LINKE hat dies durch ihr Verhalten überhaupt erst ermöglicht. Hatten wir nicht schon früher eine solche parteiübergreifende Solidarität, um einen Krieg vor- zubereiten?
Besonders beunruhigend sind die wiederholten Behauptungen des Bundeskanzlers, wonach Russland bereits einen Krieg gegen uns führe. Das klingt verdächtig nach einem Vorwand, um einen Gegenschlag Deutschlands zu rechtfertigen. Plant der Bundeskanzler einen Präventivkrieg? Immerhin scheint sich Deutschland bereits an einer schleichenden Stationierung von NATO-Truppen in der Ukraine zu beteiligen. Wurde nicht ähnlich im Juni 1941 argumentiert, als die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion überfiel – trotz eines bestehenden Nichtangriffspakts?
Auch die Nennung des Jahres 2029 als möglicher Kriegsbeginn sollte uns nachdenklich stimmen, denn im Januar jenes Jahres würde die Präsidentschaft Donald Trumps enden. Will man etwa auf einen neuen amerikanischen Präsidenten warten – in der Hoffnung, dass dieser die Kriegspläne der europäischen NATO- Staaten unterstützt?
Dabei wird verschwiegen, dass ein Krieg mit Russland mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit in eine nukleare Auseinandersetzung münden würde, wobei dann sämtliche Aufrüstungsmaßnahmen und Kriegsvorbereitungen sinnlos wären – denn alles könnte dann schon nach wenigen Stunden vorbei sein. Dass Merz keine Angst vor einem Atomkrieg habe, deutet eher auf einen gefährlichen Realitätsverlust des Bundeskanzlers hin.
Sollte eine verantwortungsvolle deutsche Regierung nicht alles daransetzen, einen Krieg zu verhindern, anstatt ihn durch Kriegsvorbereitungen noch zu provozieren? Sie ist dazu sogar durch das Grundgesetz und die UN-Charta verpflichtet.
Deutschlands fragwürdiger Umgang mit dem Völkerrecht
Wie vertragen sich all diese Kriegsvorbereitungen mit der UN-Charta und dem Völkerrecht? Und was ist aus der einst geübten militärischen Zurückhaltung Deutschlands geworden? Strebt das inzwischen wiedervereinte Deutschland nun erneut nach globaler Größe und militärischer Macht?
Es war wohl kein Zufall, dass gerade der vermutlich bekannteste deutsche Diplomat und damalige Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, unmittelbar nach der ersten Wahl Donald Trumps die provokanten Worte äußerte: „Wenn wir den Westen, wie wir ihn kennen, erhalten wollen, dann müssen wir einsehen: Der Westen, das sind nun wir!“ (Interview in Die Welt, 26.11.2016). Mit anderen Worten: Angesichts der durch Trumps Wahl ausgelösten Unsicherheiten in den USA müsse nun Europa – insbesondere Deutschland – die Führung der sogenannten Freien Welt übernehmen. Von dort bis zur Erklärung von Friedrich Merz, Deutschland solle zur stärksten Militärmacht Europas werden, war es dann nur noch ein kleiner Schritt.
Das erste Opfer auf diesem Weg war der Zwei- plus-Vier-Vertrag von 1990 zur Wiedervereinigung Deutschlands. In diesem Vertrag verpflichteten sich die beiden deutschen Staaten völkerrechtlich bindend, im Falle einer Wiedervereinigung „keine seiner Waffen jemals einzusetzen, es sei denn in Übereinstimmung mit seiner Verfassung und der Charta der Vereinten Nationen“ (Artikel 2). Es dauerte nur neun Jahre, bis sich Deutschland 1999 am völkerrechtswidrigen NATO-Krieg gegen das ehemalige Jugoslawien beteiligte und damit diesen Vertrag in eklatanter Weise brach. Es kam zur militärisch erzwungenen Abtretung des Kosovo – also zu Gebietsabtretungen, die ein Bundeskanzler Merz heute im Hinblick auf die Ukraine vehement verurteilt.
Im Weißbuch der Bundesregierung zur Sicherheitsstrategie Deutschlands und zur zukünftigen Rolle der Bundeswehr, erschienen 2016, wird der Zwei-plus-Vier-Vertrag nicht ein einziges Mal erwähnt – obwohl das Dokument sich vorrangig mit der zukünftigen Rolle der Bundeswehr befasst. Das mag daran liegen, dass Russland in diesem Weißbuch bereits als Hauptgegner identifiziert wird. Doch das entbindet Deutschland nicht von den Verpflichtungen aus dem Vertrag.
Eine dieser Verpflichtungen ist der „Verzicht auf Herstellung und Besitz von sowie auf Verfügungsgewalt über atomare, biologische und chemische Waffen“ (Artikel 3). Unter dem Programm der „nuklearen Teilhabe“ – so die NATO-Bezeichnung – lagern jedoch rund 20 US-Atombomben (jeweils mit der 13-fachen Sprengkraft der Hiroshima-Bombe) auf dem deutschen Fliegerhorst Büchel. Im Ernstfall sollen deutsche Kampfjets diese auf Ziele in Russland abwerfen. Wie verträgt sich ein vertraglich eingegangenes Verbot der Verfügungsgewalt über atomare Waffen mit einer solchen nuklearen Teilhabe Deutschlands?
Das Grundgesetz stellt in Artikel 25 klar, dass völkerrechtliche Regeln wie das Gewaltverbot der UN-Charta unmittelbar im deutschen Recht gelten. Doch im Weißbuch von 2016 findet sich dazu kein Hinweis. Zwar wird erwähnt, dass die Bundeswehr unter anderem mit den Vereinten Nationen zusammenarbeiten solle, doch dass das Gewaltverbot der UN-Charta grundsätzlich auch für Bundeswehreinsätze gilt, bleibt unerwähnt.
Heute spielt Deutschland – ungeachtet aller völkerrechtlichen Bedenken – in den beiden gefährlichsten Kriegen der Gegenwart die Rolle des Waffenlieferanten. Für die Ukraine ist Deutschland dabei, nach dem Rückzug der USA, zum größten Waffenlieferanten zu werden. Im Falle Israels ist Deutschland bereits der zweitgrößte. Das lässt sich nicht nur als fragwürdiges Geschäftsgebaren deuten, sondern auch als Ausdruck eines Deutschlands, das nach globaler Bedeutung strebt.
Fazit
Mit seiner Kriegspolitik befindet sich Deutschland auf gefährlichen Abwegen. Es ist eine Politik, mit der das Land seine Zukunft verspielt. Zunehmend verliert es an internationaler Bedeutung – wirtschaftlich, technologisch und diplomatisch. Eine Zerschlagung der Ukraine würde Deutschland Milliarden Euro kosten, und einen Krieg – selbst einen Kalten Krieg – mit Russland könnte es sich nicht leisten; er könnte den Untergang Deutschlands bedeuten.
Die Überheblichkeit, mit der Deutschland China begegnet, ist Ausdruck unüberlegter Selbstüberschätzung. Wir sollten nicht versuchen, uns wie eine Großmacht zu verhalten, denn wir sind keine – und werden auch keine werden.
Wir dürfen uns auch nicht darauf berufen, dass ein Macron in Frankreich und ein Starmer im Vereinigten Königreich Ähnliches tun. Es ist etwas anderes, wenn Deutschland versucht, diesen ehemaligen Großmächten nachzueifern – oder gar eine Führungsrolle zu beanspruchen. Schon bald könnten wir mit unserer Kriegspolitik allein dastehen, denn Frankreich und Großbritannien stehen kurz vor dem wirtschaftlichen und politischen Zusammenbruch mit unvorhersehbaren Konsequenzen auch für Deutschland.
Dass sich eine Kriegspolitik nicht auszahlt, sollten wir Deutschen aufgrund unserer Geschichte besser wissen als alle anderen. Gerade in diesen Zeiten geopolitischer Spannungen stellt eine Politik, die sich von der UN-Charta und dem darauf aufbauenden Völkerrecht leiten lässt, eine reale politische Alternative dar – und könnte Deutschland helfen, einen Weg zurück zu einer Friedenspolitik zu finden.
Michael von der Schulenburg, langjähriger UN-Diplomat und seit 2024 Abgeordneter des Europäischen Parlaments für das BSW, war drei Jahrzehnte in zahlreichen Konfliktzonen und Kriegsgebieten – von Haiti über Iran, Irak bis Sierra Leone und Afghanistan – für die Vereinten Nationen aktiv. Auch in die Verhandlungen im März 2022 zwischen der Ukraine und Russland in Istanbul war er eingebunden. Sein Auftrag: Frieden schaffen. Seine Maxime: Die Charta der Vereinten Nationen als Grundlage einer globalen Friedensordnung ohne Kriege. In seinem Buch „Nie wieder Krieg“ legt er dar, wie und warum die UN-Charta gerade heute, angesichts von Kriegstreiberei und Größenwahn, die Richtschnur für eine gerechte und vernünftige Welt sein kann.
Michael von der Schulenburg. Nie wieder Krieg. Die Charta der Vereinten Nationen. Verlag Elefanten Press, Berlin 2025, 120 Seiten | ISBN 978-3-88520-998-7

(Fotos: Hazzy / CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons | Michael von der Schulenburg)
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