
Viele junge Menschen in Deutschland blicken nicht mit Zuversicht, sondern mit großen Sorgen in ihre Zukunft. Wehrpflicht und Pflichtdienst sind völlig falsche Signale an die junge Generation, die sich zurecht von der Politik im Stich gelassen fühlt. Nachdem ihnen in der Zeit der Corona-Maßnahmen wichtige Jahre des Lebens durch Kontakt- und Ausgangssperren faktisch geraubt wurden, sehen sie nun, wie es mit der Wirtschaft immer weiter bergab geht, immer mehr Arbeitsplätze wegfallen, und das bedrohlichste von allem: die Kriegsgefahr wächst.
Die Bundesregierung tut nichts dagegen. Ganz im Gegenteil! Statt in gut bezahlten Ausbildungs- und Arbeitsplätzen oder an den Hochschulen scheinen Bundeskanzler Merz und Kriegsminister Pistorius die Zukunft junger Leute im Schützengraben zu sehen. Mit heroischen Bildern und markigen Sprüchen wirbt die Bundeswehr um neue Rekruten und verspricht tolle berufliche Perspektiven. Von Kriegseinsätzen, von Verwundung und Tod sieht man nichts. Und weil sich nur die wenigsten jungen Menschen von dieser Propaganda beeindrucken lassen, marschieren Bundesregierung und linientreue Opposition stramm in Richtung Wehrpflicht. Soldaten um jeden Preis ist die Devise. Angeblich sei das nötig für „unsere Sicherheit“.
Mehr Soldaten bedeuten aber nicht mehr Sicherheit. Die Geschichte des Kalten Krieges zeigt doch eindrücklich, wie knapp die Welt mehrfach an einem atomaren Schlagabtausch vorbeigeschrammt ist. Nicht weil jemand es wollte, sondern weil Fehlalarme und Missverständnisse beinah zum Kriegsausbruch geführt haben.
Grünbrauner Flecktarn am regenbogenfarbenen Berliner Alexanderplatz: Nach den Schülerprotesten gegen Wehrpflicht und Krieg drängt die Bundeswehr großflächig ins Stadtbild (Foto: IMAGO / Hohlfeld)
Sicherheit entsteht nicht durch die Aufstockung von Armeen, sondern durch mutige diplomatische Initiativen, Friedensverhandlungen, Abrüstungsverträge und Interessenausgleich. Nur wenn wir gegenseitige Sicherheitsinteressen ernst nehmen, können wir einen dauerhaften Frieden schaffen. Dafür sollte das US-geführte Militärbündnis NATO in eine defensiv ausgerichtete europäische Verteidigungsallianz transformiert werden, die die Grundsätze der Vereinten Nationen achtet. Europa benötigt eine stabile Sicherheitsarchitektur, die perspektivisch auch Russland einschließen sollte.
Wer im Zeitalter der Atombomben, in dem ein großer Krieg für keine Seite gewinnbar ist, eine internationale Hochrüstungsspirale in Gang setzt, handelt unverantwortlich und belügt die Bevölkerung!
Und eines ist doch offensichtlich: Schon ein Bruchteil der Summen, die heute in Panzer, Kampfjets und Kasernen fließen sollen, würde ausreichen, um unsere Schulen zu sanieren, die Gesundheitsversorgung zu stärken und die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Deutschland könnte in vielen Bereichen wieder Spitzenreiter werden – in der Bildung, in der Medizin, in der Forschung und klimafreundlicher Industrie. Statt Milliarden Euro im Rüstungssektor zu versenken, sollten wir dieses Geld lieber in Zukunftschancen investieren. Damit schaffen wir nicht nur Wohlstand, sondern auch die Grundlage für ein friedliches Zusammenleben. Die Jugend in Deutschland verdient die Hoffnung auf eine bessere Zukunft mit sicheren Arbeitsplätzen, einem starken und gerechten Sozialstaat und der Gewissheit, auch in Zukunft in Frieden zu leben!

Ich sehe die Wehrpflicht aus der Perspektive meiner Generation. Wir wollen selbst entscheiden, welchen Weg wir gehen. Viele Jugendliche engagieren sich schon heute freiwillig – in sozialen Einrichtungen, bei der freiwilligen Feuerwehr, in Umwelt- oder Kulturinitiativen. Dieses Engagement entsteht immer aus Überzeugung, nicht aus Zwang. Eine Pflicht würde genau das Gegenteil bewirken: Frust, Ablehnung und Entfremdung. Wer die Jugend gewinnen will, muss ihre Freiheit respektieren.
Stattdessen erleben wir, dass die Bundeswehr immer stärker in Schulen, auf Jobmessen und sogar auf Kinderfesten präsent ist. Das lehnen wir entschieden ab. Wir wollen keine Generation sein, die von klein auf in ein militärisches Freund-Feind-Denken hineingezogen wird. Wir wollen eine Jugend sein, die kritisch, frei und friedensorientiert ist. Der Staat trägt die Verantwortung, uns durch gute Schulen und Hochschulen eine starke Bildung zu ermöglichen und durch eine leistungsfähige Wirtschaft sichere Ausbildungsplätze zu schaffen – nicht, uns in Uniform zu stecken.
Umfragen zeigen deutlich: Eine große Mehrheit der Jugendlichen lehnt die Wiedereinführung der Wehrpflicht ab. Wir wollen Chancen und Perspektiven – nicht Zwang und Militarisierung. Genau dafür setzen wir uns als JSW ein, der Jugendorganisation des BSW. Gemeinsam können wir dafür sorgen, dass unsere Generation nicht zur Pflicht verdonnert wird, sondern ihre Zukunft frei gestalten kann.
Amira Mohamed Ali ist Gründungsmitglied und Vorsitzende des BSW.
Anastasia Wirsing ist Vorsitzende des BSW-Jugendverbandes JSW.

BSW-App hilft bei der Kriegsdienstverweigerung
Das BSW hat ein Online-Tool entwickelt, das jungen Männern dabei hilft, den Kriegsdienst zu verweigern. Fragebogen, Tipps für den Antrag und weitere Unterstützungsangebote – das bietet das neue Tool.
Im Grundgesetz heißt es in Artikel 4, Absatz 3: „Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden.“
Doch was bedeutet das im Ernstfall? Was muss man beachten? Wer den Kriegsdienst verweigern möchte, muss einen Antrag stellen. Er besteht aus einem Anschreiben, einem tabellarischen Lebenslauf und einer ausführlichen Begründung der eigenen Gewissensentscheidung.
Und genau hier beginnt für viele die Unsicherheit.
Wie formuliert man diese Gewissensentscheidung? Was gehört in eine Begründung? Was sollte man im offiziellen Fragebogen beachten? Und wann ist der richtige Zeitpunkt, den Antrag zu stellen? Diese offenen Fragen möchten wir mit unserem Online-Tool beseitigen.
Das BSW-Tool zur Kriegsdienstverweigerung hilft bei der Antragsstellung. Die Anwendung ersetzt keine Rechtsberatung. Sie trifft keine Entscheidung. Und sie nimmt niemandem die persönliche Verantwortung ab. Aber sie hilft, Struktur in einen komplexen Vorgang zu bringen.
Nutzer können dort
- prüfen, welche Regelungen für ihren Jahrgang gelten
- ihre eigene Gewissensentscheidung reflektieren
- Schritt für Schritt eine Begründung formulieren
- die notwendigen Dokumente vollständig erstellen
Am Ende steht ein fertiger Antrag, der ausgedruckt, unterschrieben und an die zuständige Behörde gesendet werden kann.
Du willst unser neues Online-Tool noch bekannter machen? Dann lade unseren Flyer herunter und verteile ihn an Freunde und Bekannte oder an einem Infostand.

Neben Jugendverbänden wie das JSW und Schülervertretungen gibt es vermehrt Stimmen aus den Gewerkschaften gegen den neuen Kriegsdienst. Wir dokumentierten den vom DGB-Bundesjugendausschuss am 16. September 2025 gefassten Beschluss „Wehrpflicht und andere Pflichtdienste verhindern!“:
Die DGB-Jugend bleibt antimilitaristisch. Wir setzen uns gegen jede Militarisierung unserer Gesellschaft ein. Unser Handeln steht im Geiste der Friedensbewegung unter dem Motto „Nie wieder Krieg!“
Krieg und die Vorstellung davon dürfen nicht normalisiert werden. Frieden ist und bleibt das Ziel gewerkschaftlicher Politik und muss das Ziel des Staates sein.
Unsere Haltung bleibt klar: Die DGB-Jugend lehnt eine Wiedereinführung der Wehrpflicht und des Zivildienstes und die Einführung anderer Pflichtdienste für junge Menschen ab. Bestehende rechtliche Möglichkeiten zum Pflichtdienst oder zur Arbeitspflicht müssen abgeschafft werden. Jede Form der Wehrerfassung lehnen wir ebenfalls ab. Es besteht die reale Gefahr, dass verpflichtende Ersatzdienste zur Umgehung struktureller Probleme im Sozial- und Pflegebereich genutzt werden. Das unterwandert bestehendes Fachpersonal und darf nicht für die Beschaffung billiger Arbeitskräfte missbraucht werden.
Wir wollen eine Bundeswehr, die Verteidigungsarmee ist. Sie muss ausschließlich die Aufgabe haben, Deutschland und unsere Bündnispartnerinnen zu schützen. Die DGB-Jugend positioniert sich strikt gegen die Präsenz von Bundeswehr und Militär an Schulen, Hochschulen und Bildungseinrichtungen. Wir lehnen den Einsatz von Jugendoffizier*innen und allgemein alle Werbeversuche für die Bundeswehr an Schulen strikt ab. Junge Menschen, die dennoch freiwillig als Soldat*in in der Bundeswehr dienen möchten, müssen persönlich davon profitieren. Ihre berufliche Ausbildung muss während der Dienstzeit fortgesetzt oder gestärkt werden, beispielsweise durch die Weiterführung von begonnener Ausbildung oder durch Weiterqualifizierung. Die persönliche Entwicklung als kritischer Bürger*in in der Demokratie muss in den Fokus genommen werden. Die Bundeswehr soll ein demokratischer Ort frei von Diskriminierung sein. Soziale und politische Bildung müssen elementarer Teil des Dienstes sein.
Auch ein freiwilliger Wehrdienst belastet insbesondere junge Menschen aus Haushalten mit geringem Einkommen. Für sie scheint der Dienst eine attraktive Alternative zu einer Ausbildung zu sein, die sie sich finanziell nicht leisten können. Doch ohne abgeschlossene Berufsausbildung steigt das Risiko, später in prekäre Beschäftigung zu geraten. So verstärkt selbst ein freiwilliger Dienst soziale Ungleichheit.
Friedenskundgebung des Kulturbundes am 24.10.1948 in der Deutschen Staatsoper (Admiralspalast) in Berlin unter dem Motto „Verteidigung des Friedens ist Verteidigung der Kultur“ mit Julius Hay, Bertolt Brecht, Ernst Legal, Alexander Abusch (v.l.n.r.) (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-H0611-0500-001 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE)
Das große Carthago führte drei Kriege
Angesichts der Anzeichen einer Remilitarisierung der jungen Bundesrepublik warnte Bertolt Brecht, der sich nach seiner Rückkehr aus dem US-Exil für ein Leben in der DDR entschieden hatte, vor einem Dritten Weltkrieg – und richtete am 26. September 1951 einen mahnenden „Brief an die deutschen Künstler und Schriftsteller“:
Mit Entsetzen habe ich, wie viele andere, der Rede Otto Grotewohls, in der er eine gesamtdeutsche Beratung zur Vorbereitung allgemeiner freier Wahlen fordert, entnommen, wie ernst die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik die Lage in Deutschland beurteilt.
Werden wir Krieg haben? Die Antwort: Wenn wir zum Krieg rüsten, werden wir Krieg haben. Werden Deutsche auf Deutsche schießen? Die Antwort: Wenn sie nicht miteinander sprechen, werden sie aufeinander schießen.
In einem Land, das lange Zeit seine Geschäfte einheitlich geführt hat und das plötzlich gewaltsam zerrissen wird, gibt es allerorten und allezeit viele Konflikte, die geschlichtet werden müssen. Dies kann auf viele Weise geschehen. Wenn es Heere gibt, wird es auf kriegerische Weise geschehen. Spätestens, wenn die Gefahr auftaucht, daß solche Heere entstehen, muß unter allen Umständen eine neue Anstrengung gemacht werden, die Wiedervereinigung auf friedlichem Wege herbeizuführen, welche, abgesehen von den ungeheuren Vorteilen solcher Einheit, die Konflikte beseitigt. Die Menschen aller Berufe, alle gleich bedroht, müssen dazu beitragen, die Spannungen zu beseitigen, die entstanden sind.
Als Schriftsteller wende ich mich an die deutschen Schriftsteller und Künstler, ihre Volksvertretungen zu ersuchen, in einem frühen Stadium der erhofften Verhandlungen folgende Vorschläge zu besprechen:
- Völlige Freiheit des Buches, mit einer Einschränkung.
- Völlige Freiheit des Theaters, mit einer Einschränkung.
- Völlige Freiheit der bildenden Kunst, mit einer Einschränkung.
- Völlige Freiheit der Musik, mit einer Einschränkung.
- Völlige Freiheit des Films, mit einer Einschränkung.
Die Einschränkung: Keine Freiheit für Schriften und Kunstwerke, welche den Krieg verherrlichen oder als unvermeidbar hinstellen, oder für solche, welche den Völkerhass fördern.
Das große Carthago führte drei Kriege. Es war noch mächtig nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten.
Aus: Bertolt Brecht: Ein Lesebuch für unsere Zeit. Volksverlag Weimar, 1958, S. 516
Neues Deutschland, 4. Juli 1956
Gegen wen ist der dritte Krieg geplant?
Die DDR-Tageszeitung Neues Deutschland veröffentlichte am 4. Juli 1956 auf ihrer Titelseite anlässlich der 2. Lesung des Rekrutierungsgesetzes einen Appell des großen Dramatikers und Dichters Bertolt Brecht (10. Februar 1898 – 14. August 1956) wider die Einführung der Wehrpflicht.
An den Präsidenten des Deutschen Bundestages
Herrn Dr. Eugen Gerstenmaier
Bonn
Gestatten Sie mir, als einem Schriftsteller, zu der Furcht einflößenden Frage der Wiedereinführung der Wehrpflicht Stellung zu nehmen.
Als ich ein junger Mensch war, gab es in Deutschland eine Wehrpflicht und ein Krieg wurde begonnen, der verlorenging. Die Wehrpflicht wurde abgeschafft, aber als Mann erlebte ich, wie sie wieder eingeführt wurde, und ein zweiter Krieg wurde begonnen, größer als der erste. Deutschland verlor ihn wieder und gründlicher, und die Wehrpflicht wurde wieder abgeschafft. Diejenigen, die sie eingeführt hatten, wurden von einem Weltgerichtshof gehängt, soweit man ihrer habhaft werden konnte. Jetzt, an der Schwelle des Alters, höre ich, daß die Wehrpflicht zum dritten Mal eingeführt werden soll.
Gegen wen ist der dritte Krieg geplant? Gegen Franzen? Gegen Polen? Gegen Engländer? Gegen Russen? Oder gegen Deutsche?
Wir leben im Atomzeitalter, und 12 Divisionen können einen Krieg nicht gewinnen – wohl aber beginnen. Und wie sollten es bei allgemeiner Wehrpflicht 12 Divisionen bleiben!
Wollt ihr wirklich den ersten Schritt tun, den ersten Schritt in den Krieg? Den letzten Schritt, den in das Nichts, werden wir dann alle tun.
Und wir wissen doch alle, daß es friedliche Möglichkeiten der Wiedervereinigung gibt, freilich nur friedliche. Uns trennt ein Graben, soll er befestigt werden? Krieg hat uns getrennt, nicht Krieg kann uns wieder vereinen.
Keines unserer Parlamente, wie immer gewählt, hat von der Bevölkerung Auftrag oder Erlaubnis erhalten, eine allgemeine Wehrpflicht einzuführen.
Da ich gegen den Krieg bin, bin ich gegen die Einführung der Wehrpflicht in beiden Teilen Deutschlands, und da es eine Frage auf Leben und Tod sein mag, schlage ich eine Volksbefragung darüber in beiden Teilen Deutschlands vor.
Bertolt Brecht
Berlin, den 2. Juli 1956
Historischer Hintergrund
Am 6. März 1956 hatte der Deutsche Bundestag die Wehrverfassung und das Soldatengesetz verabschiedet. Mit dem zweiten Wehrergänzungsgesetz des Grundgesetzes legten die Abgeordneten den Grundstein zu einer Bundeswehr mit allgemeiner Wehrpflicht. Am 7. Juli 1956 wurde das Wehrpflichtgesetz vom Bundestag verabschiedet. Es trat am 21. Juli 1956 in Kraft und verpflichtete Männer ab 18 zum Wehrdienst in der entstehenden Bundeswehr. Die in der DDR gegründete NVA war zunächst als Freiwilligenarmee konzipiert. Die Wehrpflicht wurde dort am 24. Januar 1962 ebenfalls eingeführt.
(Fotos: BSW | IMAGO / Hohlfeld | IMAGO / dts Nachrichtenagentur | IMAGO / BREUEL-BILD | Bundesarchiv, Bild 183-H0611-0500-001 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE | Screenshot Neues Deutschland)
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