
Sie haben im vergangenen Oktober in einem Essay im Freitag geschrieben, Sie schätzten den politischen Mut von Sahra Wagenknecht, hielten das Projekt BSW aber für riskant. Wo genau sehen Sie heute die größte Chance und wo die größte Gefahr für die Partei?
Bernd Stegemann: Die Chancen sehe ich darin, dass es im deutschen Parteienspektrum eine Repräsentationslücke gibt. Sie lässt sich ungefähr so beschreiben: sozialpolitisch links, kulturell eher bürgerlich-konservativ orientiert.
Dieser berühmte „vierte Quadrant“ im politischen Koordinatensystem ist tatsächlich kaum besetzt. In früheren Zeiten hat das die SPD und manchmal sogar die CSU geschafft, interessanterweise mit dem „S“ im Namen.
Doch CDU/CSU und SPD haben dieses Profil in den letzten Jahren verloren. Die SPD hat ihre Kernwählerschaft verloren, weil sie sich mehr für Sozialhilfe als für Arbeiterrechte eingesetzt hat. Und für die Orientierungslosigkeit der CDU ist das täppische Verhalten des Kulturstaatsministers Wolfram Weimer symbolisch. Er möchte gerne etwas gegen die linke Meinungshoheit unternehmen, beschädigt aber ausschließlich sich selbst. Die AfD wiederum mobilisiert stark über Unmut und Ressentiments – über aufgestaute Wut.
Das BSW ist, so wie ich Sahra Wagenknecht verstanden habe, der Versuch, Begriffe wie Vernunft, Wirtschaft und Soziales zusammenzubringen. Die große Chance liegt also darin, diese Repräsentationslücke zu besetzen.
Das Problem ist allerdings, wie man eine intelligente Position so kommuniziert, dass sie auch Zustimmung findet. Man kann nicht so eindeutig wie die AfD auf eine einzige emotionale Trommel schlagen und sagen: Alles geht unter, alles ist schlimm, die Migranten sind schuld und so weiter.
Die Linkspartei macht es gewissermaßen von der anderen Seite: Die Reichen sind die Bösen, die Deutschen sind Rassisten und so weiter. Auch das ist eine große Trommel, auf die man permanent schlagen kann.
Das BSW hat diese einfache Kommunikationsstrategie nicht.
Wenn man es etwas zugespitzt formuliert, könnte dem BSW ein ähnliches Schicksal drohen wie der FDP: eine kluge und differenzierte Position zu haben, die aber so anspruchsvoll formuliert werden muss, dass sie in den aufgeheizten und polarisierten Debatten kaum noch Aufmerksamkeit bekommt.
Ein möglicher Ausweg, den ich beim BSW beobachte, ist die starke Betonung der Friedenspolitik. Also die klare Botschaft: Wir sind gegen Kriege, wir sind eine pazifistische Partei.
Das ist natürlich etwas, womit man sehr eindeutig kommunizieren kann. Es ist emotional verständlich und lässt sich leicht vermitteln.
Genau hier sehe ich aber auch das größte Problem. Mir erscheint diese Haltung manchmal zu einfach, wenn sie so apodiktisch gegen alle Formen von militärischer Gewalt formuliert wird.
Wenn ich zum Beispiel beim BSW vom „verlorenen Ukrainekrieg“ lese, dann frage ich mich: Wer hat eigentlich entschieden, dass dieser Krieg verloren ist? Und für wen? Natürlich ist es ein brutaler Abnutzungskrieg mit enormem Leid. Aber solche Formulierungen vereinfachen die Situation doch sehr stark.
Es gibt also auf der einen Seite den Versuch einer populistischen Vereinfachung – etwa bei der Friedensfrage – und auf der anderen Seite den Anspruch, eine komplexere, vernünftige Politik zu vertreten. Zwischen diesen beiden Polen verläuft für mich die Spannung innerhalb des Projekts.
Wenn man diesen politischen Kern definieren wollte, könnte man vielleicht sagen: Bei der CSU steht „christlich-sozial“, beim BSW wäre es so etwas wie „sozial-konservativ“. Würden Sie dieser Beschreibung zustimmen?
Im Grunde ja. Diese Kombination aus einer materiell eher linken Sozialpolitik und einer kulturell eher konservativen Haltung ist selten.
Und das war schon Sahra Wagenknechts Besonderheit innerhalb der Linkspartei – lange bevor das BSW gegründet wurde. Gleichzeitig war es dort auch der große Konfliktpunkt. Denn dieser konservativ-vernünftige Anteil war für viele in der Linkspartei schwer akzeptabel. Die Partei hatte sich weit von klassischen sozialen Fragen entfernt und sich stärker auf kulturelle Lieblingsthemen eines urban-akademischen Milieus konzentriert – etwa Diversität, Identitätspolitik, grenzenlose Migration. Das führte natürlich zu Spannungen innerhalb der Partei.
Dann besteht die Herausforderung also darin, diese Mischung verständlich zu kommunizieren, was mit einem Thema nicht möglich ist, sondern nur in der Kombination von mindestens zwei Forderungen wie zum Beispiel nach einem zuverlässigen Sozialstaat und einer wirksamen Begrenzung der Migration?
Genau. Denn diese Art von Position lässt sich nicht so einfach zuspitzen wie klassische populistische Botschaften. Populistische Kommunikation funktioniert über klare Vereinfachungen. Das BSW müsste aber immer zwei Dinge gleichzeitig sagen: Wir sind für Gerechtigkeit, aber nicht für Gleichmacherei. Wir sind für einen funktionierenden Sozialstaat, aber wollen nicht, dass er ausgenutzt wird. Wir wollen Flüchtlingen helfen, aber keine unkontrollierte Migration zulassen.
Wenn man noch einmal die CSU als Beispiel nimmt: Sie hatte den Vorteil einer starken regionalen Verwurzelung. Vieles musste gar nicht theoretisch erklärt werden, weil es Teil der Alltagsvernunft war. Die CSU war für viele Menschen in Bayern gewissermaßen identisch mit ihrer eigenen gesellschaftlichen Realität.
Die Grünen sind stark im akademisch-urbanen Milieu verankert. Die SPD war lange in der Arbeiterschaft verwurzelt. Die CDU im bürgerlichen Mittelstand.
Eine neue Partei hat diese Verwurzelung nicht.
Für eine neue Partei stellt sich deshalb die Frage: Wie schafft sie es, sich mit der Lebenswelt der Menschen zu verbinden? Eine Chance könnte darin liegen, dass sich das Wahlverhalten verändert hat. Es gibt zwar noch Traditionswähler, aber sie werden immer weniger. Viele Menschen reagieren heute vor allem auf einzelne Aufreger-Themen.
Genau darin liegen für das BSW Chance und Problem zugleich: Das Programm spricht eigentlich aus, was sehr viele Menschen als Alltagsvernunft praktizieren. Die ist aber nicht tauglich für populistische TikTok-Videos, die hingegen mit den pazifistischen Botschaften gut funktionieren. Der andere, viel kompliziertere und eigentlich interessantere Teil der Botschaft – dieses sozial-konservative Element – lässt sich aber so nicht transportieren.
Und deshalb ist die große und schwierige Frage, vor der das BSW steht: Wie geht man mit dieser Spannung um? Und wie schafft man es, damit anschlussfähig zu werden – jenseits einzelner Aufreger-Spitzen?
Und welche Rolle spielt da die Brandmauer-Debatte?
Die AfD kann im Grunde machen, was sie will, weil sie faktisch die einzige Opposition ist. Sie kann auch ihre internen Widersprüche problemlos ausblenden. Und die sind ja enorm. Bei fast allen großen Themen sind sie gleichzeitig dafür und dagegen: bei der Wehrpflicht, bei der Rentenpolitik, beim Neoliberalismus.
Der große Krach bricht nur deshalb nicht aus, weil sich die AfD in einem Burgfrieden befindet: draußen ist der gemeinsame Feind, also hält man nach innen zusammen. Und gleichzeitig beschäftigt sich dieser äußere Feind eifrig mit der Brandmauer und schaut gar nicht genauer hin.
Ich sage seit Jahren: Wenn man eine Talkshow über die AfD macht, dann soll man doch einmal drei Vertreter aus unterschiedlichen Flügeln einladen. Einen aus dem Höcke-Lager, einen aus dem Weidel-Lager und noch jemanden aus einem moderateren Teil der Partei.
Und dann fragt man sie zu Themen wie Rente, Wehrpflicht, Kriegseinsätzen oder Neoliberalismus. Das wäre eine interessante Talkshow.
Stattdessen wird immer ein AfD-Vertreter eingeladen, und vier andere sitzen drum herum und greifen ihn an. Inklusive Moderator hacken alle auf diesen einen Menschen ein. Emotional läuft das dann immer gleich ab. Als Zuschauer ist man vielleicht gar nicht seiner Meinung – aber man empfindet trotzdem Sympathie für ihn, weil er permanent Prügel bekommt.
Als Dramaturg kann ich nur sagen: Wenn alle gegen einen sind, ist das ein sicheres Mittel, um Sympathie für eine unsympathische Figur zu erzeugen.

Zur Person
Bernd Stegemann ist Dramaturg und Professor an der Hochschule für Schauspielkunst (HfS) Ernst Busch in Berlin. Zuletzt ist von ihm erschienen: „In falschen Händen. Wie grüne Eliten eine ökologische Politik verhindern“ bei Westend (2025) und „Was vom Glauben bleibt. Wege aus der atheistischen Apokalypse“ bei Klett-Cotta (2024).
Sein Buch „Die Öffentlichkeit und ihre Feinde“, ebenfalls bei Klett-Cotta (2021), ist ein Plädoyer für eine neue Debattenkultur und eine Öffentlichkeit, die sich ihrer Verantwortung bewusst ist. In „Die Moralfalle: Für eine Befreiung linker Politik“ bei Matthes & Seitz (2018) zeigt Bernd Stegemann auf, dass die Kritik an sozialer Ungleichheit wieder ins Zentrum der Debatte gestellt werden muss. Im Magazin Cicero erscheint monatlich eine Kolumne von Bernd Stegemann, der die politische Arbeit des BSW verfolgt, aber selbst nicht Mitglied ist.
Der Soziologe Hartmut Rosa erklärte in der Berliner Zeitung (7. März 2026): „Rechtspopulismus ist der Protest gegen die eigene Ohnmacht.“ Sahra Wagenknecht schrieb in der Ostdeutschen Allgemeinen: „Wer AfD wählt, wünscht sich keinen neuen Faschismus, sondern erschwingliche Preise, bessere Bildung für seine Kinder, weniger Kriminalität und Migration, kurz: ein Deutschland, das wieder funktioniert. Die BSW-Wähler sehen das ähnlich.“ Teilen Sie diese Diagnosen? Und ist es nicht auch Ausdruck demokratischer Beteiligung, wenn Menschen zur Wahl gehen und diese Parteien wählen?
Demokratie bedeutet, ganz technisch betrachtet, dass es eine wählbare Opposition geben muss. Der Grundimpuls von Demokratie ist: Es muss durch Wahlen einen friedlichen Machtwechsel geben. Die herrschende Klasse darf sich nicht einfach verstetigen, wie wir das etwa bei Erdogan in der Türkei und in vielen anderen Ländern sehen.
Das Hauptziel solcher autoritär agierenden Politiker ist, die Opposition zu schwächen oder auszuschalten – sie zu kriminalisieren, zu verbieten oder ihre Vertreter ins Gefängnis zu stecken. Damit wird verhindert, dass die Opposition durch Wahlen tatsächlich an die Macht kommen kann. Es gibt zwar noch Wahlen, aber es kann sich dadurch nichts mehr ändern.
Die Brandmauer-Bauer wollen im Prinzip das gleiche. Man sagt, die Opposition darf niemals an die Macht kommen. Und das erreicht man, indem man sie kriminalisiert, dämonisiert oder politisch isoliert – in Deutschland eben durch eine Brandmauer.
Je eifriger diese Brandmauer-Wächter sind, desto weniger unterscheiden sie sich von den politischen Systemen, über die wir uns sonst empören. Wir sagen immer: Dort werden Oppositionsparteien unterdrückt, das sei undemokratisch. Möglich wird diese undemokratische Verteidigung der Demokratie bei uns, weil der Begriff der Demokratie inzwischen seltsam verwendet wird.
Demokratie bedeutet nicht mehr Wettbewerb in Wahlen, sondern „unsere Demokratie“ meint einen bestimmten Status quo. Die gegenwärtige Ordnung soll durch demokratische Wahlen nicht mehr veränderbar sein.
Man friert den bestehenden Zustand ein – alle Gesetze, Regeln und politischen Strukturen. Wer daran Kritik übt, delegitimiert angeblich den Staat. Wer Parteien wählt, die diesen Zustand verändern wollen, gilt als undemokratisch.
Der Status quo wird zum Wesen der Demokratie erklärt. Warum gerade in Deutschland so viele Menschen glauben, sie müssten den Status quo mit allen Mitteln verteidigen – sogar gegen demokratische Wahlen –, darüber könnte man lange nachdenken.
Aber man könnte doch einwenden, dass die Opposition kein Recht auf Mehrheit oder Regierungsbeteiligung hat.
Als ein Ministerpräsident, wie einst Kemmerich in Thüringen, mit Stimmen der AfD gewählt wurde, hat die Bundeskanzlerin gefordert, dass diese Wahl „rückgängig“ gemacht werden müsse. Wie würden Frau Merkel und die riesige Schar von Brandmauer-Wächtern eine solche Direktive, käme sie von Erdogan oder Trump, wohl bewerten?
Außerdem geht es ja um mehr als nur um Regierungskoalitionen. Es betrifft viele andere Ebenen: etwa das Recht, einen Vizepräsidenten im Bundestag zu stellen oder Kandidaten für das Bundesverfassungsgericht vorzuschlagen. Auch dort wird der AfD Mitwirkung verweigert.
Diese Ausgrenzung zieht sich bis hin zu symbolischen Dingen – etwa der Größe der Sitzungssäle im Bundestag. Die AfD als zweitstärkste Partei wird in einen kleinen Raum gequetscht, während die Abgeordneten der deutlich kleineren SPD in ihrem Ballsaal luftig beisammensitzen. Wenn so etwas woanders passieren würde, würden wir sofort sagen: Der stärksten Opposition die Rechte der anderen Parteien zu verweigern, ist ein klarer Hinweis auf eine autoritäre Politik.
In Deutschland hingegen wird es gefeiert. Man sagt: Wir verteidigen „unsere Demokratie“, indem wir verhindern, dass bestimmte Parteien demokratisch mitwirken.
Die Debatte ist wirklich entgleist – und zwar massiv. Sie wieder in ein vernünftiges Gleis zu bringen, wird eine enorme Aufgabe sein. Zumal viele der einflussreichsten Kräfte in diesem Land gar kein Interesse daran haben, da sie von der Brandmauer profitieren.
SPD, Grüne oder Linkspartei können mitregieren, weil die CDU sich aus Angst vor der Brandmauer in Koalitionen drängen lässt. Warum sollten sie also etwas ändern? Wenn ich etwa Heidi Reichinnek wäre, würde ich auch bei jedem Versuch, die Brandmauer abzubauen, die Nazikeule herausholen.
Es gäbe also zwei Wege, die AfD politisch zu schwächen: bessere Politik zu machen oder sie aus der Brandmauer herauszulassen und inhaltlich zu stellen.
Man müsste unterscheiden zwischen den Symptomen, die die AfD beschreibt, und ihren Lösungsvorschlägen. Bei den Symptomen hat sie häufig einen Punkt. Ihre Lösungen sind häufig falsch oder widersprüchlich. Durch die Brandmauer werden aber auch die richtig identifizierten Probleme unsichtbar gemacht, da es angeblich den Falschen nutzt, wenn man sie anspricht.
Eine kluge Politik würde die Probleme angehen, aber mit anderen Mitteln als die AfD vorschlägt. So würde signalisiert, dass man die Probleme ernst nimmt, aber bessere Lösungen für sie hat.
Das ist jedoch nicht im Interesse der Parteien links der Mitte. Denn sie wollen bereits die Probleme nicht anerkennen. In ihrem Weltbild gibt es kein Problem mit Migration, falscher Klimapolitik, die die Wirtschaft abwürgt, oder fehlendem Wohnraum wegen überbordender Bürokratie und mangelnden Investitionen.
Darum nutzt die Brandmauer auch in der inhaltlichen Debatte den linken Parteien. Denn sie können bereits die Problembeschreibung tabuisieren, indem sie lautstark behaupten, dass sei eine „AfD-Position“.
Interessant ist übrigens, dass laut einer aktuellen Analyse nur noch vier Regierungspolitiker überhaupt Zugang zum AfD-Milieu haben: Friedrich Merz, Alexander Dobrindt, Jens Spahn und Boris Pistorius.
Das zeigt auch, dass der permanente Nazi-Vorwurf kaum noch Wirkung hat. Die Menschen, die damit gemeint sind, hören das längst nicht mehr. Sie ignorieren es oder interpretieren es als Angriff der „Lügenpresse“.
Diese moralisierende Rhetorik ist nur noch das Selbstvergewisserungsritual eines bestimmten Milieus: Man bestätigt sich gegenseitig, dass man auf der Seite der Guten steht. Aber das hat mit demokratischer Auseinandersetzung wenig zu tun. Es ist eher eine Art moralische Selbstüberhöhung: Weil wir die bessere Gesinnung haben, sind wir die besseren Menschen und deshalb berechtigt zu regieren.
Das ist natürlich ein problematischer Weg. Und deshalb braucht es politische Kräfte wie das BSW, die versuchen, diese Entwicklung zu korrigieren. Allerdings ist das ein Kampf gegen sehr mächtige Strukturen – gerade in den Medien und kulturellen Institutionen.
Bliebe am Ende die berühmte Millionen-Euro-Frage: Mit welchen weiteren Themen – neben Frieden – sollte das BSW seinen Markenkern verdeutlichen und wieder stärker werden?
Ich glaube, viele Menschen spüren gerade, dass eine lange Phase wirtschaftlicher Stabilität zu Ende geht. Deutschland hat über Jahrzehnte davon profitiert, dass China zu einer Industrieweltmacht aufstieg. Für deutsche Unternehmen war China ein riesiger Absatzmarkt. „Made in Germany“ hatte dort enormes Prestige. Deutsche Firmen konnten dort Fabriken bauen, ihre Produkte verkaufen und ihr Ingenieurswissen nutzen.
Diese Phase ist vorbei. China hat technologisch aufgeholt und in manchen Bereichen sogar überholt – etwa bei Elektroautos. Für Deutschland ist das ein massives Problem.
Der zweite Punkt: Die Zeit der billigen Energie ist vorbei. Russland als günstiger Gaslieferant ist weggefallen.
Und drittens: Es gibt keine „Gratis-Verteidigung“ mehr durch die USA. Wir müssen jetzt sehr viel Geld dafür bezahlen.
Für ein Industrieland ohne eigene Energiequellen und mit begrenzten militärischen Kapazitäten ist das eine enorme Herausforderung. Wenn wir die nicht meistern, werden wir industriell das erleben, was die Engländer ab den 1950er Jahren durchgemacht haben. De-Industrialisierung, Massenarbeitslosigkeit, Verelendung, revolutionsartige Zerwürfnisse.
Ich möchte Deutschland nicht erleben, wenn es wirtschaftlich wirklich in den Niedergang geht. Dann werden die Alternativen weder die Linkspartei noch das BSW sein. Dann wird das die AfD oder etwas noch Schlimmeres sein Das ist das Einzige, wovor ich Angst habe – obwohl ich sonst kein Mensch bin, der zu Pessimismus neigt.
Es ist die alles entscheidende, und leider auch komplizierte Frage: Wie baut man ein Industrieland mit einer geopolitisch schwierigen Lage zwischen Westeuropa und Russland in einer disruptiv sich verändernden Welt um? Und wie soll das gehen, wenn die regierenden Parteien auf den Status quo fixiert sind und jede Veränderung als Gefahr für „unsere Demokratie“ fürchten.
Das Symbol für die Sackgasse, in der wir uns befinden, ist die dysfunktionale EU-Bürokratie. Und obendrauf kommt noch ein politisch gewollter Mangel an wettbewerbsfähiger Energie. Klimapolitik, Russlandsanktionen und Ausstieg aus der Atomkraft haben zusammen eine Mangellage geschaffen, die schwer zu beheben ist.
Wenn politische Entscheidungen ausschließlich aus moralischem Überschuss heraus getroffen werden, ohne die eigenen Interessen abzuwägen, wird Politik irrational. Insofern ist Vernunft, eine der Säulen des BSW, eine wertvolle Grundlage für Politik. Dummerweise ist sie in unserer stark emotionalisierten und populistisch aufgeregten Gegenwart schwer durchzusetzen.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Gespräch führten Alexander Troll und Rüdiger Göbel
(Fotos: IMAGO / Emmanuele Contini)
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