
Die Politik der Europäischen Union und insbesondere die der Bundesregierung riskiert einen Krieg mit der Atommacht Russland. Davor und vor den möglichen dramatischen Folgen haben Michael von der Schulenburg und Ruth Firmenich, die für das BSW im EU-Parlament, mit der Veranstaltung „Schlafwandelt die EU in den Atomkrieg“ gewarnt. Sie haben dazu Ende Mai neben dem BSW-Vorstandsmitglied Sevim Dagdelen und der US-amerikanischen Wissenschaftlerin Dr. Ivana Nikolić Hughes, Präsidentin der Nuclear Age Peace Foundation, auch Prof. Dr. Theodore Postol nach Berlin eingeladen, einen der renommiertesten Atomwaffenexperte der USA. Vor dem Hintergrund der Diskussion über eine mögliche atomare Bewaffnung Deutschlands und der – von US-Präsident Joe Biden und Bundeskanzler Olaf Scholz im Sommer 2024 am Rande des NATO-Gipfels in Washington vereinbaren und von US-Präsident Donald Trump in diesem Mai ausgesetzten – Stationierung weitreichender mobiler Raketeneinheiten verweist der Physiker und ehemalige Berater des US-Militärs nachdrücklich auf die Gefahr eines unbeabsichtigten Nuklearkrieges.
Der folgende Text basiert auf dem Vortrag von Prof. Dr. Theodore Postol am 26. Mai 2026 in Berlin.
Die deutsche und die US-amerikanische Regierung haben vereinbart, mobile Raketensysteme in Deutschland zu stationieren. Nach aktuellem Stand scheint diese Entscheidung zunächst verschoben worden zu sein. Leider geschah dies nicht aufgrund einer grundlegenden Neubewertung oder rationalen sicherheitspolitischen Analyse. Die Verschiebung bedeutet daher keineswegs, dass das Thema dauerhaft vom Tisch ist. Es kann jederzeit wieder auf die politische Agenda zurückkehren.
In diesem Zusammenhang müssen wir über die Gefahr eines unbeabsichtigten Atomkriegs sprechen – eines Krieges, der durchaus in Deutschland seinen Ausgang nehmen könnte.
Atomwaffen unterscheiden sich grundlegend von allen anderen Waffensystemen. Gerade deshalb würde die Stationierung mobiler Raketen in Deutschland das Risiko eines unbeabsichtigten Atomkriegs erheblich erhöhen.
Ein solcher Krieg könnte dazu führen, dass Deutschland mit einer großen Zahl von Kernwaffen angegriffen wird – weit mehr, als überhaupt an mobilen Raketen stationiert wären.
Warum Atomwaffen anders sind
Das Wichtigste, was man verstehen muss, ist die enorme Zerstörungskraft von Kernwaffen. Ihre Wirkungen sind so umfassend, dass ein umfassender Atomkrieg die menschliche Zivilisation faktisch beenden würde. Möglicherweise könnte er sogar das Leben auf der Erde auslöschen. Das wissen wir nicht mit Sicherheit. Die Geschichte der Kernwaffenforschung zeigt, dass wir ihre Folgen immer nur schrittweise verstanden haben. Viele Effekte wurden erst nach ihrer Entwicklung und ihrem Einsatz erkannt.
Deshalb können wir nicht mit Sicherheit sagen, welche Folgen eine große Zahl nuklearer Explosionen weltweit hätte. Was wir jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen können, ist: Die menschliche Zivilisation würde einen solchen Krieg nicht überleben.
Dabei handelt es sich nicht um eine politische Meinung oder eine ideologische Position. Es geht um physikalische Realitäten.
Ich sage das so deutlich, weil ich selbst intensiv mit Kernwaffen gearbeitet habe – unter anderem im Bereich der Zielplanung für Nuklearwaffen. Nichts macht mich nervöser als politische Theoretiker, die behaupten, man könne einen Atomkrieg führen und gewinnen.
Einen Atomkrieg kann man nicht gewinnen. Wenn am Ende alle tot sind, verliert der Begriff „Sieg“ jede Bedeutung.

Prof. Dr. Theodore Postol am 26. Mai 2026 in Berlin
Mobile Raketen als strategisches Risiko
Die Gefahr, von der ich spreche, geht von den mobilen Raketensystemen aus, deren Stationierung die USA und Deutschland für das Jahr 2026 geplant hatten und die möglicherweise noch immer umgesetzt werden könnte.
Entscheidend ist: Es handelt sich um mobile Raketen. Typischerweise bestehen solche Systeme aus einem Kommandozentrum und mehreren Fahrzeugen mit aufgerichteten Startrampen. In diesen Starteinrichtungen können sich mehrere kleinere Raketen oder auch einzelne größere Flugkörper befinden.
Für Russland wäre jedoch nicht erkennbar, ob diese Raketen konventionell oder nuklear bewaffnet sind.
Interessanterweise wird die Stationierung dieser Systeme häufig so dargestellt, als handele es sich ausschließlich um konventionelle Waffen. Aus militärischer Sicht halte ich diese Annahme für unrealistisch. Eine geringe Anzahl mobiler Raketen mit konventionellen Sprengköpfen kann militärisch kaum einen entscheidenden Unterschied bewirken. Ihre Zerstörungskraft reicht nicht aus, um das Kräfteverhältnis wesentlich zu verändern.
Nehmen wir als Beispiel einen Angriff auf Kiew: Dort wurden innerhalb kurzer Zeit rund 90 ballistische Raketen sowie etwa 600 Drohnen eingesetzt. Trotz erheblicher Schäden existiert die Stadt weiterhin.
Der Punkt ist: Einige wenige mobile konventionelle Raketen verändern das strategische Gleichgewicht nicht. Deshalb wird jeder ernsthafte militärische Planer davon ausgehen, dass solche Systeme letztlich für einen möglichen nuklearen Einsatz vorgesehen sein könnten.
Es gibt keinen Grund, sich durch die Behauptung beruhigen zu lassen, diese Waffen seien rein konventionell. Ich habe selbst als militärischer Planer gearbeitet. Aus dieser Perspektive kann ich sagen: Jede gegnerische Militärführung wird diese Systeme als potenziell nuklear betrachten – unabhängig davon, welche politischen Erklärungen abgegeben werden.
Problem der Mobilität
Ein weiteres Problem besteht darin, dass mobile Raketen schwer zu orten sind. Selbst wenn umfangreiche Aufklärungsmaßnahmen durchgeführt werden, bleibt ihre genaue Position oft unbekannt. Über längere Zeiträume können zwar Bewegungsmuster erkannt werden, sodass sich wahrscheinliche Einsatzorte bestimmen lassen.
Doch genau daraus ergibt sich eine gefährliche Konsequenz. Falls eine Seite zu dem Schluss kommt, dass sie zu einem Erstschlag gezwungen ist, wird sie nicht nur bekannte Stellungen angreifen. Sie wird sämtliche Orte angreifen, an denen sich diese Raketen möglicherweise befinden könnten.
Das bedeutet: Selbst, wenn nur einige Dutzend mobile Raketen existieren, könnten im Ernstfall Hunderte potenzielle Standorte zum Ziel werden. Da Kernwaffen eine außergewöhnliche Zerstörungskraft besitzen, wird keine Seite das Risiko eingehen wollen, auch nur eine einzige gegnerische Rakete unversehrt zu lassen.
Verkürzte Vorwarnzeiten
Noch gravierender ist ein weiteres Problem: Die Stationierung solcher Raketen in Deutschland würde die Vorwarnzeit für die russische Führung drastisch verkürzen. Im Falle eines Starts hätten die russischen Entscheidungsträger möglicherweise nur drei bis sechs Minuten Zeit, um die Situation zu bewerten.
Dies liegt an den physikalischen Grenzen der Radarsysteme. Aufgrund der Erdkrümmung können Radare anfliegende Raketen erst erkennen, wenn diese über den Horizont steigen. Bei ballistischen Raketen könnte die Vorwarnzeit etwa fünf bis sechs Minuten betragen.
Für Hyperschallraketen, deren Stationierung ebenfalls diskutiert wird, wäre die Situation noch kritischer. Diese Flugkörper bewegen sich in geringerer Höhe und bleiben länger unterhalb des Radarhorizonts. Dadurch könnte sich die verfügbare Reaktionszeit auf zwei bis drei Minuten reduzieren.
Man muss sich vergegenwärtigen, was das bedeutet. In einer internationalen Krise, in der die russische Führung einen Überraschungsangriff befürchtet, könnten wenige Minuten darüber entscheiden, ob ein Atomkrieg ausgelöst wird.
Unter solchen Bedingungen steigt das Risiko von Fehlentscheidungen dramatisch.
Abschreckung oder Instabilität?
Es geht hierbei nicht darum, Russland als besonders verantwortungslos darzustellen. Das Problem liegt vielmehr in der Struktur der Situation selbst. Wer an nukleare Abschreckung glaubt, muss erkennen, dass diese bereits existiert. Die Fähigkeit zu einem nuklearen Gegenschlag besteht heute schon. Die Stationierung zusätzlicher Raketen in unmittelbarer Nähe Russlands erhöht die Abschreckungsfähigkeit nicht wesentlich. Was sie jedoch bewirkt, ist eine drastische Verkürzung der Reaktionszeit. Und genau dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit eines unbeabsichtigten Atomkriegs.
Aus militärischer Sicht ist das ein grundlegender Fehler. Während meiner Arbeit im Bereich der Nuklearplanung bestand die wichtigste Aufgabe nicht darin, einen Atomkrieg zu führen. Die wichtigste Aufgabe bestand darin, sicherzustellen, dass ein Atomkrieg niemals stattfindet. Der eigentliche Erfolg nuklearer Abschreckung liegt darin, dass niemand schießt.
Durch die Verkürzung der Vorwarnzeiten wird dieses Ziel gefährdet.
NATO-Manöver „Able Archer“
Wie schnell eine nukleare Eskalation außer Kontrolle geraten kann, zeigte die NATO-Stabsübung „Able Archer“ im Jahr 1983. Diese Übung simulierte einen Konflikt zwischen Ost und West. Keine Seite wollte eine Eskalation. Beide Seiten versuchten, militärische Vorteile zu begrenzen und einen großen Krieg zu vermeiden.
Dennoch entwickelte sich das Szenario erschreckend schnell. Am ersten Tag wurden bereits zehn bis elf taktische Kernwaffen eingesetzt – Waffen mit einer Sprengkraft vergleichbar mit den Bomben von Hiroshima und Nagasaki.
Am zweiten Tag stieg die Zahl auf Hunderte nukleare Einsätze.
Am dritten Tag kamen strategische Atomwaffen hinzu, deren Sprengkraft um ein Vielfaches höher lag. Für den Gegner war dabei kaum erkennbar, welche Art von Kernwaffe jeweils eingesetzt wurde. Die Eskalation entwickelte eine Eigendynamik. Bereits nach wenigen Tagen wurden große Städte zu Zielen.
Am fünften Tag brach die Übung faktisch zusammen. Die politische Führung kam zu dem Schluss, dass das Szenario keinen sinnvollen weiteren Verlauf mehr hatte. Große Teile Europas waren zerstört. Städte wie Paris, London, Amsterdam, Rotterdam und Brüssel waren vernichtet. Polen, Deutschland, Schweden und die baltischen Staaten waren schwer getroffen.
Nur zwei Tage zuvor hatten die Beteiligten noch geglaubt, die Situation unter Kontrolle zu haben.

Dr. Ivana Nikolić Hughes am 26. Mai in Berlin
Nukleare Eskalation außer Kontrolle
Die wichtigste Lehre daraus lautet: Nukleare Eskalation lässt sich nur sehr schwer kontrollieren. Selbst rationale, verantwortungsbewusste Menschen können in Situationen geraten, in denen jede Handlung die Lage weiter verschlimmert.
Der Grund liegt in der Natur dieser Waffen. Sobald eine Seite glaubt, dass eine nukleare Bedrohung unmittelbar bevorsteht, entsteht enormer Druck, die gegnerischen Systeme zuerst auszuschalten. Dadurch wird eine Eskalation nahezu unvermeidlich.
Nach wenigen Tagen eines groß angelegten Nuklearkrieges bliebe kaum noch etwas übrig, wofür es sich zu kämpfen lohnte. Hinzu kommt der radioaktive Niederschlag. Die Auswirkungen würden weit über die eigentlichen Zielgebiete hinausreichen. Abhängig von Wetter und Wind könnten große Teile Europas betroffen sein. Millionen Menschen würden gefährlichen Strahlendosen ausgesetzt.
Die Strahlenkrankheit gehört zu den grausamsten bekannten Todesursachen. Sie zerstört die Fähigkeit des Körpers zur Blutgerinnung und führt zu schweren inneren Blutungen sowie einem allmählichen Organversagen.
Doch bereits die unmittelbaren Wirkungen einer einzelnen strategischen Kernwaffe wären verheerend. Eine solche Waffe wird typischerweise in mehreren Kilometern Höhe gezündet. In Bruchteilen einer Sekunde wird eine Energiemenge freigesetzt, die Temperaturen von rund 100 Millionen Grad erzeugt – deutlich mehr als im Inneren der Sonne.
Es entsteht ein Feuerball aus überhitzter Luft, dessen Oberfläche zeitweise heller strahlt als die Sonne selbst. Die thermische Strahlung breitet sich mit Lichtgeschwindigkeit aus und setzt brennbare Materialien in Flammen.
Menschen können schwere Verbrennungen erleiden, selbst wenn sie sich mehrere Kilometer vom Explosionsort entfernt befinden. Gebäude, Fahrzeuge, Vegetation und Infrastruktur geraten gleichzeitig in Brand.
Erst einige Sekunden später erreicht die Druckwelle das Zielgebiet. Sie zerstört Gebäude, reißt Dächer ab und erzeugt Windgeschwindigkeiten von mehreren Hundert Stundenkilometern.
Doch selbst das ist oft nur der Beginn der Katastrophe.
Die zahlreichen Einzelbrände vereinigen sich zu einem Feuersturm. Dabei steigt heiße Luft auf, während kühlere Luft mit enormer Geschwindigkeit nachströmt. Es entstehen Bedingungen, die an Tornados erinnern. Die Temperaturen können so hoch werden, dass selbst Schutzräume zu tödlichen Fallen werden.
Die Erfahrungen aus Hiroshima und Nagasaki zeigen, dass ganze Stadtgebiete in kürzester Zeit ausgelöscht werden können. Moderne Kernwaffen besitzen zum Teil eine deutlich größere Sprengkraft als die damals eingesetzten Bomben.

BSW-Vorstandsmitglied Sevim Dagdelen am 26. Mai in Berlin
Kein strategischer Vorteil
Wenn wir also über die Stationierung zusätzlicher Raketen in Deutschland sprechen, müssen wir uns eine einfache Frage stellen: Welchen strategischen Vorteil rechtfertigt die drastische Verkürzung der Vorwarnzeit für Russland und die damit verbundene Erhöhung des Eskalationsrisikos?
Aus Sicht eines Atomwaffenplaners lautet die Antwort: keinen.
Das oberste Ziel nuklearer Planung besteht darin, den Einsatz dieser Waffen zu verhindern. Man darf einen Gegner niemals in eine Situation bringen, in der er glaubt, keine andere Wahl mehr zu haben. Genau dieses Risiko schaffen jedoch mobile Raketensysteme mit extrem kurzen Flugzeiten.
Deshalb halte ich ihre Stationierung für einen schwerwiegenden Fehler.
Die Verkürzung der Frühwarnzeit Russlands macht Deutschland nicht sicherer – sie macht im Gegenteil einen Krieg wahrscheinlicher. Denn ein nervöser Gegner könnte glauben, er müsse zuerst zuschlagen, weil er selbst einen Angriff befürchtet und keine Zeit mehr für eine Reaktion hat. Das Letzte, was man tun sollte, ist einen Gegner in eine Lage zu bringen, in der er glaubt, schnell handeln zu müssen.
Genau diese Situation könnten mobile Raketenstellungen erzeugen. Das darf nicht zugelassen werden. Die Bevölkerung muss politische Entscheidungsträger stoppen, wenn diese so unklug oder schlecht informiert sind, sie zu gefährden und diesen Ort zum möglichen Ausgangspunkt einer globalen nuklearen Katastrophe machen.

Zur Person
Der Physiker Theodore A. Postol ist emeritierter Professor für Wissenschafts-, Technologie- und Nationale Sicherheitspolitik am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Seine Fachgebiete umfassen nukleare Waffensysteme, darunter die U-Boot-Kriegsführung, militärische Anwendungen von Atomwaffen und die Abwehr ballistischer Raketen. Für seine Arbeit zur Aufdeckung von Falschinformationen im Bereich der nationalen Raketenabwehr hat er zahlreiche Auszeichnungen erhalten.
Bevor er von der Stanford University an das MIT wechselte, arbeitete er als Analyst beim Office of Technology Assessment sowie im Pentagon als wissenschaftlicher und politischer Berater des Chefs der Marineoperationen der US-Marine.
Prof. Theodore A. Postol ist regelmäßiger Gesprächspartner im Podcast des Politikwissenschaftlers Glenn Diesen, Professor an der Universität Südost-Norwegen in Horten.
Appell an die Bundesregierung und den Bundestag
Atomare Abrüstung darf kein leeres Versprechen bleiben!
Aus Anlass des vor 30 Jahren vom Internationalen Gerichtshof vorgelegten Gutachtens zu Atomwaffen haben am 7. Juli 2026 über 50 Persönlichkeiten aus Kultur, Wissenschaft, Politik, Kirchen und Nichtregierungsorganisationen einen offenen Brief an die Bundesregierung und den Bundestag zur atomaren Abrüstung veröffentlicht. Der Brief wurde initiiert und organisiert vom Aktionsbündnis „atomwaffenfrei jetzt“ in Kooperation mit ICAN Deutschland. Zu den Erstunterzeichnern gehören unter anderem Gernot Erler (Staatsminister a.D.), Brigitte Lösch (ehem. Vize-Landtagspräsidentin), der Schauspieler Kai Schumann, die Theologin Dr. Margot Käßmann sowie Phon van den Biesen (Co-Präsident der internationalen Juristenorganisation IALANA), der EKD-Friedensbeauftragte Friedrich Kramer und die Friedensforscherin Dr. Christine Schweitzer.
Vor genau dreißig Jahren – am 8. Juli 1996 – hat der Internationale Gerichtshof (IGH) ein wegweisendes Gutachten erstellt. Seine Kernaussage: Die Drohung mit und der Einsatz von Atomwaffen verstoßen grundsätzlich gegen die Regeln des humanitären Völkerrechts.
Ihre Vernichtungskraft kann weder in Raum noch Zeit eingedämmt werden. Sie können die gesamte Zivilisation und das gesamte Ökosystem des Planeten zerstören. (…) Weiterhin würde die Anwendung von Atomwaffen eine ernste Gefahr für künftige Generationen sein. (Ziffer 35)
Damit erinnert uns das IGH-Gutachten daran, was Atomwaffen sind: Massenvernichtungswaffen, deren Zweck es ist, Millionen von Menschen innerhalb kürzester Zeit zu töten. Sie bedrohen uns alle. Täglich. Diese Feststellung ist bedrückend aktuell. Spannungen und Kriege mit Beteiligung atomar bewaffneter Staaten und die Missachtung des Völkerrechts machen einen Atomkrieg so wahrscheinlich wie kaum jemals zuvor. Hinzu kommen Milliardeninvestitionen in neue Atomwaffen und die fortschreitende Erosion von Rüstungskontrolle.
Wir erinnern an das wegweisende Gutachten des IGH und appellieren an alle Menschen, für eine internationale Ordnung einzutreten, in der Menschenrechte und Völkerrecht der Maßstab politischen Handelns sind. Die Erkenntnisse über die katastrophalen humanitären Konsequenzen von Atomwaffen müssen Grundlage politischen Handelns werden. Dazu gehört, das nukleare Tabu zu bekräftigen, allen Atomwaffenkooperationen in Europa eine klare Absage zu erteilen und statt dessen den Vertrag zur Nichtverbreitung von Atomwaffen (NVV) zu stärken. Im Einklang mit dem IGH-Gutachten und der Abrüstungsverpflichtung aus Artikel 6 NVV fordern wir neue politische Initiativen für Rüstungskontroll- und Abrüstungsverhandlungen.
Der IGH hat eindeutig festgestellt: Es besteht die Verpflichtung, in gutem Glauben Verhandlungen zu führen und zum Abschluss zu bringen, die zur vollständigen nuklearen Abrüstung unter strenger und wirksamer internationaler Kontrolle führen! (Ziffer 105 F)
Ein zentrales Instrument dafür ist der UN-Atomwaffenverbotsvertrag (AVV), der einen realistischen Weg zur umfassenden Ächtung und vollständigen Abschaffung aller Atomwaffen aufzeigt. 99 Staaten sind diesem völkerrechtlich verbindlichen Vertrag bereits beigetreten oder haben unterschrieben. Darunter sind Südafrika, Brasilien, Indonesien und Neuseeland, aber auch europäische Staaten wie Österreich und Irland.
Seit 30 Jahren ist endgültig klar: Atomwaffen verstoßen gegen Völkerrecht und Menschenrechte. Darin sehen wir einen politischen Auftrag für die deutsche Bundesregierung und den Bundestag: Setzen Sie sich entschieden für nukleare Rüstungskontrolle und die Stärkung des Völkerrechts ein. Unterstützen Sie die Ziele des AVV und bereiten Sie den deutschen Beitritt vor. Das Versprechen, Atomwaffen weltweit zu ächten und abzuschaffen, muss eingelöst werden!
(Fotos dieser Seite: Imago/Martin Müller | Screenshots Youtube Michael von der Schulenburg)
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