
Malchow ist ein idyllischer Ort inmitten der Mecklenburgischen Seenplatte. Ruhig, aufgeräumt, einladend. Umgeben von Wasser und Wald. Hier im Süden Mecklenburg-Vorpommerns, zwischen Plau am See und Warken, sind am ersten Juni-Wochenende die Kandidaten der BSW-Landesliste und Direktkandidaten zu den Landtagswahlen in einem gemütlichen Klinkerbau der Jugendherberge zur Klausur zusammengekommen. Gute Laune, Zuversicht und Verbindlichkeit. Von Umfragen lässt sich hier keiner beirren. Und wenn sie „Brandmauer“ hören, können sie nur den Kopf schütteln. Peter Schabbel und Sabine Firnhaber, Spitzenkandidaten des BSW zur Landtagswahl am 20. September, erzählen am Rande des Treffens, zwischen Grillplatz und Volleyball-Feld, wo sie herkommen und wohin sie politisch wollen.
Das BSW in Mecklenburg-Vorpommern will nach den Landtagswahlen am 20. September in Fraktionsstärke in den Landtag in Schwerin einziehen. Ihr führt als Spitzenkandidaten die Partei im Wahlkampf. Was hat Euch bewogen, diese Ochsentour auf Euch zu nehmen, und wie sehr lastet Druck auf Euch?
Sabine Firnhaber: Mich hat vor allem das Gefühl motiviert, etwas verändern und bewirken zu wollen. Ich halte es für wichtig, selbst aufzustehen und sich zu engagieren, statt nur über „die da oben“ zu schimpfen. Man muss selbst aktiv werden und versuchen, etwas zu bewegen. Ich bin immer noch so naiv zu glauben, dass man tatsächlich etwas bewirken kann, wenn man sich einbringt. Genau das versuchen wir hier. Wir bereiten uns intensiv auf die Landtagswahl vor und wollen einen erfolgreichen Wahlkampf führen.
Peter Schabbel: „Ochsentour“ ist eine gute Bezeichnung. Das gefällt mir. Es ist tatsächlich ein langer Weg, den wir inzwischen seit zwei Jahren gehen. Auch wenn wir immer noch von einer jungen Partei sprechen, liegt bereits viel Arbeit hinter uns. Nach der anfänglichen Euphorie und Aufbruchsstimmung hat sich manches konsolidiert – sowohl in der Mitgliedschaft als auch bei den Aktivitäten.
Heute sehen wir, dass wir in unserem Landesverband einen stabilen Kern gefunden haben. Viele engagierte Menschen begleiten und unterstützen uns, sowohl im Wahlkampf als auch beim Parteiaufbau. Wir mussten zunächst Strukturen schaffen, Kreisverbände gründen und Landesarbeitsgruppen aufbauen, die maßgeblich an unserem Programm mitgearbeitet haben. Wenn man darauf zurückblickt, war das bereits ein weiter Weg.
Nun steigt natürlich der Druck. Wir sehen die Situation unserer noch jungen Partei und den knapp verpassten Einzug in den Bundestag. Jetzt stehen die Landtagswahlen an – in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Wir sind jedoch sehr zuversichtlich, dass uns der Einzug in die Landtage gelingen wird.
Ihr seid neu in die Politik gekommen. Nicht alle BSW-Mitglieder und Unterstützer werden Euch kennen. Stellt Euch doch bitte kurz vor: Was macht Ihr beruflich? Gibt es Vorbilder oder prägende Ereignisse, die Euren Weg in die Politik beeinflusst haben?
Sabine Firnhaber: Ich bin Huftechnikerin – ein eher ungewöhnlicher Beruf. Vereinfacht gesagt klebe ich Pferden, die nicht mehr beschlagen werden können, spezielle Schuhe an. Dort, wo ein Schmied keine Hufeisen mehr nageln kann, arbeite ich mit alternativen Materialien. Außerdem bin ich Tierheilpraktikerin und Tierphysiotherapeutin und betreibe im Nebenerwerb einen landwirtschaftlichen Betrieb mit Schafen und Ziegen.
Ich habe „Land schafft Verbindungen MV“ mit aufgebaut, im Führungsteam gearbeitet und war Pressesprecherin. Dadurch kam ich auch in den Bauernverband und wurde 2020 Vizepräsidentin des Bauernverbandes Mecklenburg-Vorpommern.
In dieser Zeit hatte ich immer wieder Kontakt zur Politik. Dabei entstand oft ein Gefühl der Machtlosigkeit. Man macht Vorschläge, weist auf unlogische Verordnungen und Richtlinien hin, die teilweise das Gegenteil dessen bewirken, was eigentlich erreicht werden soll. Wir haben vieles versucht, sind aber immer wieder an die Grenze gestoßen, dass uns nicht zugehört wurde.
Das erzeugt Frust. Und dieser Frust ist auch in großen Teilen der Bevölkerung spürbar. Wir haben Politikern immer wieder gesagt, dass sie etwas ändern müssen, weil die Menschen ihnen sonst nicht mehr zuhören und sich zunehmend den politischen Rändern zuwenden. Diese Gefahr habe ich schon damals gesehen.
Das hat mich letztlich dazu bewogen, mich selbst politisch zu engagieren. Allerdings habe ich mich in keiner Partei wirklich wiedergefunden. Als dann das BSW gegründet wurde, hatte ich das Gefühl: Das ist genau die Partei, die Vernunft statt Ideologie in den Mittelpunkt stellt. Das entspricht meiner Haltung – deshalb bin ich heute hier.
Peter, wie bist Du zum BSW gekommen?
Peter Schabbel: Ich bin in Berlin-Pankow aufgewachsen und wurde stark durch die Friedensbewegung der 1980er-Jahre geprägt. In der kirchlichen Bewegung „Schwerter zu Pflugscharen“ habe ich mein politisches Zuhause gefunden und mich für Frieden und Abrüstung engagiert. Diese Haltung hat mich bis heute begleitet und prägt mein politisches Handeln.
Die Friedensbewegung war rückblickend auch eine wichtige Grundlage für die Bürgerbewegung der Wendezeit in der DDR. Damals gab es eine starke Polarisierung zwischen Ost und West. Heute erlebe ich erneut eine tiefe gesellschaftliche Spaltung. Nach meiner Wahrnehmung wird diese Spaltung auch durch etablierte Parteien verstärkt.
Unsere Aufgabe im BSW ist es, diese Polarisierung schrittweise zu überwinden – durch Mitbestimmung, Bürgerbeteiligung, offenen Diskurs und Meinungsfreiheit. Dabei stehen für mich insbesondere Frieden und soziale Gerechtigkeit im Mittelpunkt.
Beruflich bin ich Osteopath und Heilpraktiker. Eine sehr friedliche Tätigkeit. Ich versuche mich, um die Leiden von Menschen zu kümmern. Ähnlich sehe ich meine politische Aufgabe: Unsere Gesellschaft leidet unter Polarisierung, unter dem Gefühl, nicht gehört zu werden, und unter mangelnder Wertschätzung für Lebensleistungen. Diese Probleme nehmen zu – und genau hier sehe ich die Rolle des BSW.
Claudia Wittig und Thomas Schulze in Sachsen-Anhalt, die zwei Wochen vor Mecklenburg-Vorpommern ihre Landtagswahl haben, betonen sehr, sachsen-anhaltinische „Gewächse“ zu sein. Sie kommen aus dem Land, sind dort verwurzelt. Spielt Herkunft nach Eurer Wahrnehmung noch eine Rolle, ist sie wichtiger als Haltung? Welche Bedeutung hat die ostdeutsche Identität im Wahlkampf?
Peter Schabbel: Herkunft spielt nach wie vor eine große Rolle. Wir haben in den vergangenen Monaten intensiv daran gearbeitet, unsere Wahlkampagne auf Mecklenburg-Vorpommern zuzuschneiden. Dabei geht es nicht nur um Slogans, sondern um die Frage, wie die Menschen hier denken und welche Erfahrungen sie geprägt haben. Viele Ostdeutsche ticken anders. Wir lesen zwischen den Zeilen und haben ein starkes Gerechtigkeits- und sensibles Autoritätsempfinden.
Diese Erfahrungen wollen wir im Wahlkampf aufgreifen. Uns geht es weniger um reißerische Parolen, sondern um Themen, die die Menschen im Alltag tatsächlich bewegen.
Unser Spitzenkandidat
Peter Schabbel, geboren 1966 in Berlin-Pankow, ist Heilpraktiker/Osteopath und lebt in Ganzlin. Er ist Vorsitzender des BSW-Landesverbandes Mecklenburg-Vorpommern und Spitzenkandidat für die Landtagswahl am 20. September 2026. Peter Schabel ist seit Juli 2024 Vorsitzender der Kreistagsfraktion BSW – Freier Horizont im Kreistag Ludwigslust-Parchim.

Unsere Spitzenkandidatin
Sabine Firnhaber (49) ist Huftechnikerin, Tierheilpraktikerin und Physiotherapeutin für Hunde und Pferde. Die Landwirtin im Nebenerwerb („Die kleine Schäferei“) lebt in Banzkow, ist Vizepräsidentin des Bauernverbandes Mecklenburg-Vorpommern (ruhend) und Spitzenkandidatin des BSW für die Landtagswahl am 20. September 2026. Sabine Firnhaber ist Mitglied des BSW-Bundesvorstands.

Euer Wahlprogramm ist überschrieben mit „Frischer Wind für MV – mit Vernunft und für Gerechtigkeit“. Mit welchen zentralen Forderungen wollt ihr die Leute im Wahlkampf erreichen und für die Wahl des BSW gewinnen?
Sabine Firnhaber: Die SPD regiert seit 32 Jahren in Mecklenburg-Vorpommern. Viele Probleme haben zwar ihre Ursachen auch auf Bundes- oder EU-Ebene, aber eben auch im Land selbst. Wir wollen konkrete Lösungen anbieten und nicht nur Schlagworte produzieren.
Die Menschen erleben, dass das Gesundheitssystem vielerorts nicht mehr zuverlässig funktioniert. Wenn man für einen Notfall lange auf einen Rettungswagen warten muss und zunächst diskutiert wird, ob überhaupt ein Rettungswagen nötig ist, dann läuft etwas schief. Hinzu kommen marode Straßen und eine kaputtgesparte Infrastruktur.
Das sind konkrete Probleme, die die Menschen täglich spüren. Dort wollen wir ansetzen und Verbesserungen erreichen.
Peter Schabbel: Mir ist wichtig zu betonen, dass Friedenspolitik, Wirtschafts- und Sozialpolitik eng zusammenhängen. Wir wollen den Menschen deutlich machen, dass eine Politik der Aufrüstung und Kriegswirtschaft nicht automatisch den Interessen der Bevölkerung dient. Sie hat Folgen für Energiepreise, Versorgungssicherheit und wirtschaftliche Stabilität.
Wir setzen uns für Energiesicherheit ein und sprechen uns deshalb dafür aus, Nord Stream 2 in Betrieb zu nehmen. Das schließt erneuerbare Energien keineswegs aus. Beides gegeneinander auszuspielen, halten wir für falsch.
Gerade in einem strukturschwachen Land wie Mecklenburg-Vorpommern braucht es wirtschaftliche Stabilität und eine starke Sozialpolitik. In den Kreistagen erleben wir bereits, wie freiwillige Leistungen gekürzt werden. Das kann auf Dauer nicht gutgehen. Wir sehen einen Zusammenhang zwischen Aufrüstungspolitik und den Belastungen, die bei den Menschen ankommen.
Jetzt soll das für Nord Stream 2 wichtige Kraftwerk Lubmin demontiert und an die Ukraine verschenkt werden. Also an diejenigen, die mutmaßlich die Nord-Stream-Leitungen gesprengt haben. Wie kommt das in Mecklenburg-Vorpommern an?
Sabine Firnhaber: Das stößt auf großes Unverständnis. Wir halten es für falsch, hier noch vor der Landtagswahl Fakten zu schaffen. Nach unserer Auffassung sollte der neue Landtag über das weitere Vorgehen entscheiden können.
Wenn Nord Stream perspektivisch wieder genutzt werden soll, könnte das Kraftwerk weiterhin gebraucht werden. Außerdem könnte die heimische Wirtschaft von solchen Anlagen profitieren. Viele Menschen fragen sich, warum die eigene Wirtschaft schwächelt und gleichzeitig große Geschenke verteilt werden. Das empfinden sie als widersprüchlich.
Peter Schabbel: Man muss sehen, dass dieses kleine Gaskraftwerk vor allem dazu dient, den Betrieb der Gasleitungen zu unterstützen. Wenn es abgebaut wird, werden damit Fakten geschaffen, die sich später nur schwer rückgängig machen lassen.
Wir möchten, dass die Wähler wissen, worüber sie bei dieser Wahl entscheiden. Nach unserer Auffassung dürfen keine vollendeten Tatsachen geschaffen werden, bevor ein neuer Landtag gewählt ist.
Zugleich zeigt die Diskussion innerhalb der AfD aus unserer Sicht, wie plan- und inhaltslos deren energiepolitischen Vorstellungen sind. Bei der AfD streiten sie in Vorpommern-Rügen und Vorpommern-Greifswald, ob es nicht vielleicht möglich wäre, dieses kleine Gaskraftwerk abzubauen und in Mukran zu betreiben. Man begreift offensichtlich nicht, welche Bedeutung dieses kleine Gaskraftwerk für die Energieversorgung in der Zukunft hat, wenn es wieder Verhandlungen mit Russland zur Energieversorgung Deutschlands gibt.
Welche Bedeutung haben bundespolitische Themen wie die schlechten Umfragewerte für Bundeskanzler Merz, geplante Sozialkürzungen und steigende Militärausgaben im Landtagswahlkampf?
Sabine Firnhaber: Das spielt definitiv eine Rolle. Die Unzufriedenheit mit der Bundespolitik ist in ganz Mecklenburg-Vorpommern deutlich spürbar. Im Gespräch merkt man häufig, viele wissen gar nicht, wer bei ihnen im Wahlkreis zum Beispiel für die AfD antritt. Das ist ihnen auch egal. Es geht ihnen nur darum, der Bundesregierung bei der Landtagswahl einen Denkzettel zu verpassen.
Rentner im Osten bekommen im Schnitt 4.300 Euro weniger im Jahr als Rentner im Westen. Und trotzdem wird über die Rente mit 70 und weitere Kürzungen gesprochen Inwiefern ist das ein Thema im Landtagswahlkampf?
Peter Schabbel: Das Thema soziale Gerechtigkeit gehört zu unseren zentralen Anliegen. Die Rentenfrage beschäftigt viele Menschen – gerade auch mit Blick auf die Babyboomer-Generation, zu der ich selbst gehöre. Viele befürchten, dass künftige Renten nicht mehr ausreichen werden.
Aus unserer Sicht liegt das auch daran, dass grundlegende Reformen des Rentensystems seit Jahren nicht konsequent angegangen werden. Wir setzen uns dafür ein, dass alle in die Rentenkassen einzahlen – auch Beamte, Freiberufler und Politiker. Nur so lässt sich die Finanzierung langfristig stabilisieren.
Außerdem halten wir es für wichtig, kleinere und mittlere Renten steuerlich zu entlasten. Unser Ziel ist es, Altersarmut zu verhindern und die Lebensleistung der Menschen besser anzuerkennen.
60 Kilometer nördlich von Müritz und Malchow proben an diesem Wochenende Luftwaffe, Heer und Marine mit dem „Tag der Bundeswehr“ Kriegsertüchtigung. Bundeskanzler kommt auf Stippvisite, steigt aber anders als vor zwei Jahren nicht selbst als Co-Pilot in das Cockpit eines Eurofighters. Im Anschluss an seinen Truppenbesuch mit Selfies fährt Merz in das rund 40 Kilometer entfernte Linstow zum Landesparteitag der Christdemokraten. Die Chancen der Landes-CDU sind mau, da kann sein Auftritt kaum schaden. Kein Grund also, die Spitze der Bundespartei und den Kanzler auszuladen, wie es die CDU in Sachsen-Anhalt gerade getan hat.
Die größten Standorte der Bundeswehr in Mecklenburg-Vorpommern konzentrieren sich auf die Marine in Rostock-Warnemünde, die Luftwaffe in Laage und das Heer in Hagenow und Torgelow. An der Ostseeküste ist nicht nur das deutsche Marinekommando angesiedelt. Auch das Marinearsenal und das Command Task Force Baltic, kurz: CTF Baltic, das offiziell nicht NATO-Hauptquartier heißen darf, um nicht gegen den Zwei-plus-Vier-Vertrag zu verstoßen, sind jetzt hier zu finden. Nun könnte noch Parchim dazukommen: Die Deutsche Marine will den Parchim International Airport als neuen Stützpunkt für Flugzeuge und Drohnen zur Seeüberwachung nutzen. Die Stadtvertretung hat einer möglichen militärischen Nutzung bereits per Resolution zugestimmt. Der Kreistag Ludwigslust diskutiert das Vorhaben noch. Die AfD-Fraktion verlangt ein öffentliches Bekenntnis des Kreistags zur militärischen Nutzung des Flughafens Parchim, der aktuell von einem Logistikunternehmen als Umschlagplatz für Fahrzeuge genutzt wird. Die anderen Fraktionen fordern, der Landkreis solle sich aktiv um die Bewerbung des Flughafens als Bundeswehrstandort bemühen. Peter Schabbel und das BSW haben sich im Kreistag gegen die militärische Umwidmung und für die weitere zivile Nutzung ausgesprochen.
Peter Schabbel: Der Antrag, Parchim zum Militärflugplatz zu machen, stammte von der AfD. Zunächst dachten wir sogar: Das ist eine gute Gelegenheit, der AfD den Spiegel vorzuhalten, die sich gern als Friedenspartei darstellt und nun einen solchen Antrag einbringt. Vielleicht, so dachten wir, würde es in dieser Frage sogar einen Konsens mit Linken und SPD geben.
In meiner Rede im Kreistag habe ich deutlich gemacht, dass ich die militärische Nutzung des Flughafens Ludwigslust-Parchim für falsch halte. Das Gelände war bereits in der NS-Zeit einer der größten Militärflugplätze. Ich habe die Kreistagsmitglieder gefragt: Wollen wir das wirklich wieder? Wollen wir erneut zum potenziellen Angriffsziel werden? Wollen wir die Kriegswirtschaft in unserem Landkreis verankern?
Am Ende waren wir die Einzigen, die dagegen gestimmt haben. Linke, SPD, FDP und AfD sprachen sich für die militärische Nutzung aus. Das zeigt aus meiner Sicht, wie wichtig eine Partei ist, die konsequent für Friedenspolitik eintritt.
In Friedensfragen zählt die Brandmauer offensichtlich nicht. Bleiben wir bei diesem Thema: Ihr habt bei der Erarbeitung des Wahlprogramms bewusst festgelegt, entlang von Sachfragen zu entscheiden und nicht danach, wer einen Antrag stellt. Ist die Brandmauer-Debatte in Mecklenburg-Vorpommern überhaupt noch ein Thema, wenn auf kommunaler Ebene Anti-AfD-Parteien gemeinsam mit der AfD abstimmen?
Sabine Firnhaber: Ich habe oft den Eindruck, dass die Brandmauer vor allem dann ein Thema ist, wenn es um uns geht. Dann wird sehr darauf geachtet, dass sie eingehalten wird. Wenn andere Parteien gemeinsam mit der AfD abstimmen, wird das häufig anders bewertet.
Auf kommunaler Ebene ist diese Situation längst Realität. Die AfD ist vielerorts so stark vertreten, dass Entscheidungen kaum noch möglich wären, wenn jede Form der Zusammenarbeit ausgeschlossen würde. Ähnliche Entwicklungen sehen wir inzwischen auch in einigen Landtagen.
Wir halten diese Ausgrenzungsstrategie für einen der Gründe, warum die AfD so stark geworden ist. Demokratie bedeutet für uns, miteinander zu sprechen – auch mit Menschen, deren Positionen man nicht teilt. In vielen Fragen liegen wir mit der AfD weit auseinander. Trotzdem gilt für uns: Wir beurteilen Anträge nach ihrem Inhalt. Wenn ein Antrag sinnvoll ist und den Menschen nützt, unterstützen wir ihn – unabhängig davon, ob er von der AfD, der SPD, den Grünen oder einer anderen Partei kommt. Wenn wir ihn für falsch halten, lehnen wir ihn ab.
Diesen sachorientierten Ansatz halten wir für den richtigen Weg.
Plakatkampagne in Mecklenburg-Vorpommern
Ihr habt bereits auf dem Landesparteitag zur Listenaufstellung erklärt, dass das BSW weder einen AfD-Kandidaten noch die amtierende Ministerpräsidentin Manuela Schwesig zur Regierungschefin wählen würde. Das BSW will einen Neuanfang mit einer „Bürgerregierung“. Wie kommt dieses Konzept bei den Menschen an?
Peter Schabbel: Das ist tatsächlich kein einfaches Thema für einen Wahlkampf. Es lässt sich nicht in einem Satz erklären. Eigentlich braucht es dafür eine ausführliche öffentliche Debatte. Sahra Wagenknecht hat deshalb vorgeschlagen, darüber beispielsweise an runden Tischen zu diskutieren.
Für uns hat diese Frage viel mit politischer Haltung zu tun. Natürlich befinden wir uns dabei auch in einem gewissen Spannungsfeld. Einerseits halten wir ein „Weiter so“ mit den etablierten Parteien für falsch. Andererseits sind wir programmatisch weit von der AfD entfernt.
Deshalb schlagen wir das Modell einer Bürgerregierung vor. Die Idee dahinter ist, überparteiliche Persönlichkeiten für politische Verantwortung zu gewinnen. Das Parlament könnte dann über Kandidaten abstimmen, die nicht unmittelbar einer Partei zugeordnet sind.
Uns ist bewusst, dass die Wahrscheinlichkeit gering ist, dass alle anderen Parteien diesen Vorschlag begeistert aufgreifen. Dennoch halten wir ihn für einen sinnvollen Ansatz. Daneben wären auch Modelle wie eine Minderheitsregierung denkbar. Darüber müsste nach der Wahl in Ruhe und verantwortungsvoll gesprochen werden.
Habt Ihr bereits Gespräche mit Persönlichkeiten geführt, die für eine solche Bürgerregierung infrage kämen?
Peter Schabbel: Es wäre nicht besonders klug, mögliche Kandidaten öffentlich zu benennen. Wer heute genannt würde, stünde morgen sofort im Mittelpunkt politischer Auseinandersetzungen. Aber selbstverständlich machen wir uns darüber Gedanken, und natürlich gibt es dazu auch Überlegungen und Gespräche.
Die AfD ist den Umfragen zufolge mit aktuell 36 Prozent mit Abstand stärkste Partei in Mecklenburg-Vorpommern. Die Regierungsparteien SPD und Linke haben mit 27 und 13 Prozent keine Mehrheit mehr, die CDU schafft es auf 10 Prozent und seht für eine bloße Anti-AfD-Koalition in den Startlöchern. Das BSW liegt bei um die 5 Prozent. Wie könnt Ihr Menschen davon überzeugen, dass eine Stimme für das BSW keine verschenkte Stimme ist? Warum ist es wichtig, dass das BSW in den Landtag in Schwerin kommt?
Sabine Firnhaber: Gerade die aktuellen Umfragewerte zeigen, warum das BSW gebraucht wird. Die politische Blockade, die wir derzeit erleben, verhindert aus unserer Sicht viele notwendige Entscheidungen. Wer kein „Weiter so“ möchte, findet bei uns eine Alternative. Stimmen für SPD oder CDU könnten am Ende zu einer Fortsetzung der bisherigen Politik führen. Gleichzeitig ist nicht absehbar, dass die AfD allein Regierungsverantwortung übernehmen kann.
Das BSW kann dagegen eine vermittelnde Rolle spielen. Wir wollen sachorientiert entscheiden und Anträge nach ihrem Inhalt bewerten. Dadurch können wir dazu beitragen, dass wieder Bewegung in politische Prozesse kommt.
Wir haben in Mecklenburg-Vorpommern Umfragen zufolge ein Potenzial von bis zu 20 Prozent. Ich kann nur betonen: Wer kein „Weiter so“ möchte, muss das BSW wählen. Ansonsten wird es am Ende das Gleiche geben, was wir im Prinzip seit Jahrzehnten haben.
Peter Schabbel: Hinzu kommt ein rechnerischer Aspekt. Die Grünen und insbesondere die FDP liegen in vielen Umfragen noch niedriger als wir. Sollten mehrere kleinere Parteien an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern, würde sich das Kräfteverhältnis im Landtag deutlich verschieben. Deshalb kann eine Stimme für das BSW auch dazu beitragen, eine absolute Mehrheit der AfD zu verhindern.
Sabine Firnhaber und Peter Schabbel in Malchow im Gespräch mit Rüdiger Göbel
Sahra Wagenrecht hat mehrfach betont, die Wahlen im Herbst sind eine große Chance, dass die Merz-Regierung an ihr Ende kommt. Eure Listen- und Direktkandidaten erlebe ich hochmotiviert. Inwiefern können Euch BSW-Mitglieder aus anderen Bundesländern im Wahlkampf unterstützen?
Sabine Firnhaber: Wir erhalten bereits jetzt viele Unterstützungsangebote aus anderen Landesverbänden. Mitglieder melden sich und bieten Hilfe bei Infoständen, beim Verteilen von Flyern oder bei anderen Aktionen an.
Darüber freuen wir uns sehr. Mecklenburg-Vorpommern ist ein Flächenland mit großen Entfernungen. Wir möchten möglichst viele Bürger erreichen, und dafür braucht es viele engagierte Helferinnen und Helfer.
Peter Schabbel: Unsere Zuversicht speist sich vor allem aus den Rückmeldungen der Bevölkerung, unserer Unterstützer und Mitglieder. Das erleben wir auch auf dieser Klausurtagung mit unseren Kandidaten. Die Grundstimmung ist positiv und optimistisch.
Sabine Firnhaber: Ich bin fest davon überzeugt, dass wir in den Landtag einziehen werden – und zwar mit einem guten Ergebnis. Bei manchen Umfragen habe ich den Eindruck, dass unser Potenzial nicht vollständig erfasst wird.
Wir müssen sichtbar bleiben und den Menschen deutlich machen, dass das BSW präsent ist. Häufig wird versucht, uns politisch bereits abzuschreiben oder Gerüchte zu verbreiten. So wird immer wieder die Mär in die Welt gesetzt, Sahra Wagenknecht sei nicht mehr dabei. Oder wir wollten mit der AfD koalieren. Und, und, und.
Deshalb sagen wir immer wieder klar: Sahra Wagenknecht ist da und unterstützt uns weiterhin. Und wir werden keine Koalition mit der AfD eingehen.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Gespräch führte Rüdiger Göbel.
Frischer Wind in MV! Mit Vernunft. Für Gerechtigkeit. | Wahlprogramm für die Landtagswahl am 20. September 2026
BSW-App hilft bei der Kriegsdienstverweigerung
Das BSW hat ein Online-Tool entwickelt, das jungen Männern dabei hilft, den Kriegsdienst zu verweigern. Fragebogen, Tipps für den Antrag und weitere Unterstützungsangebote – das bietet das neue Tool.
Im Grundgesetz heißt es in Artikel 4, Absatz 3: „Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden.“
Doch was bedeutet das im Ernstfall? Was muss man beachten? Wer den Kriegsdienst verweigern möchte, muss einen Antrag stellen. Er besteht aus einem Anschreiben, einem tabellarischen Lebenslauf und einer ausführlichen Begründung der eigenen Gewissensentscheidung.
Und genau hier beginnt für viele die Unsicherheit.
Wie formuliert man diese Gewissensentscheidung? Was gehört in eine Begründung? Was sollte man im offiziellen Fragebogen beachten? Und wann ist der richtige Zeitpunkt, den Antrag zu stellen? Diese offenen Fragen möchten wir mit unserem Online-Tool beseitigen.
Das BSW-Tool zur Kriegsdienstverweigerung hilft bei der Antragsstellung. Die Anwendung ersetzt keine Rechtsberatung. Sie trifft keine Entscheidung. Und sie nimmt niemandem die persönliche Verantwortung ab. Aber sie hilft, Struktur in einen komplexen Vorgang zu bringen.
Nutzer können dort
- prüfen, welche Regelungen für ihren Jahrgang gelten
- ihre eigene Gewissensentscheidung reflektieren
- Schritt für Schritt eine Begründung formulieren
- die notwendigen Dokumente vollständig erstellen
Am Ende steht ein fertiger Antrag, der ausgedruckt, unterschrieben und an die zuständige Behörde gesendet werden kann.
Du willst unser neues Online-Tool noch bekannter machen? Dann lade unseren Flyer herunter und verteile ihn an Freunde und Bekannte oder an einem Infostand.
(Fotos dieser Seite: BSW | Imago/imagebroker)
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