Bildunterschrift

BSW-„Markenkern“

Strategisch die Leerstelle in der politischen Landschaft besetzen

Von Amira Mohamed Ali und Alexander Troll


Bernd Stegemann, Dramaturg und Professor an einer Hochschule für Schauspielkunst, sagte im Interview mit Klare Linie | 1, dass es die Chance des BSW sei, eine Repräsentationslücke im deutschen Parteienspektrum zu schließen: sozialpolitisch links, kulturell eher bürgerlich-konservativ orientiert. Diese Analyse ist richtig und wird von wissenschaftlichen Studien und empirische Untersuchungen belegt.

Vorweg: Parteien befinden sich in einem Wettbewerb zueinander. Es ist daher unbestritten ein Vorteil für eine Partei, den Wählern etwas anbieten zu können, was andere Parteien nicht anbieten. Das BSW hat neben der konsequenten Positionierung als Friedenspartei ein Alleinstellungsmerkmal bei den anderen Politikfeldern. 


BSW-Angebot: sozial und konservativ

Wie kann dieses Alleinstellungsmerkmal genauer beschrieben werden? In der Vergangenheit reichte es meist aus, politische Parteien auf einer Links-Rechts-Skala, also in Bezug auf die Wirtschafts- und Sozialpolitik, einzuordnen. Je weiter links von der Mitte, desto sozialer und arbeitnehmerfreundlicher die Forderung. Je weiter rechts von der Mitte, desto arbeitgeberfreundlicher ist die Forderung und kommt nur der kleinen Minderheit an der Spitze der Einkommensverteilung zugute.

Inzwischen hat sich eine bedeutende zweite Konfliktachse in den westlichen Gesellschaften etabliert, die als kulturelle Achse bezeichnet werden kann. Auf dieser Achse lassen sich unter anderem Positionen zur Zuwanderung, Familie oder Bildung abbilden und auf einer Skala einordnen, die von sehr liberal bis sehr konservativ reicht. Je weiter unterhalb des Mittelpunkts beispielsweise die Forderung einer Partei zur Zuwanderung eingeordnet wird, desto restriktiver und damit konservativer ist sie.

Durch diese zweite Achse, neben der „klassischen Achse“ zur Wirtschafts- und Sozialpolitik, die in der Darstellung des WSI mit als Links-Rechts-Skala bezeichnet wird, entsteht ein zweidimensionaler Raum, in dem sich die programmatischen Positionen der Parteien verorten lassen. So wurde es auch in der untenstehenden Grafik dargestellt, die in der WSI-Studie „Befunde aus der WSI-Nachwahlbefragung: Die Wählerschaft des BSW bei der Bundestagswahl 2025“ veröffentlicht wurde und eine von zwei aktuellen Studien ist, auf die hier bezuggenommen wird. 

Quelle: WSI-Report Nr. 112 (mit ergänzenden Quadranten-Hinweisen)

In Bezug auf die Leerstelle, die das BSW in diesem Raum besetzt, sprach Bernd Stegemann im Interview mit Klare Linie vom berühmten „vierten Quadranten“ im politischen Koordinatensystem. In Übereinstimmung damit haben auch die WSI-Autoren auf der Grundlage eines Experten-Panels die programmatischen Positionen und damit das politische Angebot der Parteien an die Wähler in diesem zweidimensionalen Koordi­natenkreuz verortet und den „vierten Quadranten“ unten links dargestellt, in dem sich das BSW allein befindet. Auch die WSI-Autoren bezeichnen diese Leerstelle im Parteienspektrum, die vom BSW besetzt werden kann, als ein bisher einzigartiger Mix „aus ‚linken‘ wirtschafts- und sozialpolitischen Positionen (…) und andererseits soziokulturell konservativen Positionen, etwa zur Zuwanderung“ beschrieben, die „eine Lücke in der politischen Repräsentation“ schließt.

Zwar kann man sicherlich darüber streiten, ob in der Grafik die Positionen der Parteien immer genau zutreffend markiert wurden. Zum Beispiel erscheint es fraglich, ob das politische Angebot im ersten Quadranten von Die Linke tatsächlich weniger liberal als das von den Grünen ist, wenn zum Beispiel die Offenheit für unbegrenzte Migration betrachtet wird. Aber darum soll es hier nicht weiter gehen, denn davon unabhängig bleibt in Bezug auf das BSW die Leerstelle im vierten Quadranten unten links unbestritten. Sie wird durch soziale Forderungen links von der Mitte und konservative Forderungen markiert, wie zum Beispiel zur Begrenzung der Migration oder einem verpflichtende Sprachtest für alle Kinder ab 3 Jahren und daraus resultierend gegebenenfalls ein verpflichtendes Kitajahr mit Sprachförderung. Dieses Alleinstellungsmerkmal durch die Kombination sozialer und kultureller Forderungen als sozial-konservatives Angebot wird unserer Partei regelmäßig bescheinigt. Zuletzt auch wieder durch die jüngste Untersuchung „Warum sympathisieren Menschen mit dem Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW)?“ vom Juni 2026.

Amira Mohamed Ali ist Gründungsmitglied und Bundesvorsitzende des BSW.

Alexander Troll ist Mitglied des BSW-Bundesvorstands und als Leiter des Bereichs Organisation verantwortlicher Redakteur von Klare Linie.

Ferran Cornellà | CC BY-SA 4.0 | https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=141438379

Wichtig ist, bei dieser Betrachtung noch einmal zu betonen, dass nicht die einzelne Forderung sozial-konservativ ist. Das sozial-konservative Profil entsteht daraus, dass wir als Partei einerseits bei wirtschafts- und sozialpolitischen Themen, die auf der Links-Rechts-Skala abgebildet werden, Positionen vertreten, die dem linken Spektrum zuzuordnen sind (z.B. unsere Forderung nach einer gerechten Vermögensbesteuerung, höheren Renten, guter Gesundheitsvorsorge für alle Menschen) und andererseits bei kulturellen Themen, die der zweiten Konfliktachse zugeordnet werden und in einer Liberal-Konservativen Skala eingeordnet werden, eher konservative Positionen vertreten (z.B. Begrenzung der Migration oder Kritik am Selbstbestimmungsgesetz). 

Unser Alleinstellungsmerkmal als sozial-konservative Partei ergibt sich also durch die Kombination unserer Forderungen. 

Wie eingangs schon gesagt, sei an dieser Stelle noch einmal betont, dass wir mit unseren konsequenten friedenspolitischen Forderungen bereits ein anderes Alleinstellungsmerkmal haben. Zwar wird beispielsweise auch von Teilen der AfD, besonders in Ostdeutschland, mehr Diplomatie mit Russland gefordert, aber eine konsequente friedenspolitische Haltung haben die Blauen nicht, weil die AfD die massive Aufrüstung und die „Kriegstüchtigkeit“ Deutschlands unterstützt. Unser Alleinstellungsmerkmal als konsequente Friedenspartei ist in der Öffentlichkeit weitgehend bekannt und nach innen identitätsbildend. Aber das BSW ist nicht als eine Ein-Themen-Partei gegründet worden und sollte deshalb darüber hinaus sein Alleinstellungsmerkmal als sozial-konservative Partei deutlich machen.


Wie viele Wähler wollen eine sozial-konservative Programmatik?

Bis zur Gründung des BSW standen die Wähler, die von ihrer Stimme Gebrauch machen wollten und eine sozial-konservative Einstellung hatten, vor einem Dilemma. Sie konnten nur einer Partei ihre Stimme geben, die entweder nur ihren sozialen oder nur ihren konservativen Forderungen am nächsten kamen, was gleichbedeutend damit war, dass diese Partei dann mit ihren Positionierungen bei dem anderen wesentlichen gesellschaftlichen Konfliktfeld nicht übereinstimmte. In dieser Situation wählten sie dann, je nach ausschlaggebender Einstellung, AfD oder CDU/CSU auf der einen Seite, beziehungsweise Linke oder gegebenenfalls SPD auf der anderen Seite. Vor dieses Dilemma gestellt, entschieden nicht wenige Wähler, gar nicht mehr zur Wahl zu gehen. Bei der AfD wird bei vielen sozial-konservativen Wählern außerdem noch eine Rolle gespielt haben, dass diese als „Protestpartei“ klar erkennbar war, was durch die Brandmauer-Politik künstlich gefördert wurde. 

Dass das BSW nun diese Lücke im politischen Angebot schließt, sagt aber noch nichts darüber aus, wie groß die Nachfrage dazu ist, das heißt, wie groß die Gruppe der Wähler ist, die sowohl soziale als auch konservative Forderungen umgesetzt haben wollen. Denn unbestreitbar ist das Alleinstellungsmerkmal von geringer Bedeutung, wenn es nicht im ausreichenden Maße von den Wählern nachgefragt wird.

Zunächst zur Frage, wer das BSW aus dieser Gruppe in der Vergangenheit wählte. Die Daten auf der Grundlage der Erwerbspersonenbefragung des WSI zeigen, dass bei den „meisten“ BSW-Wählern eine Einstellung vorgefunden werden kann, in der „linke wirtschafts- und sozialpolitische Präferenzen (…) entweder mit konservativen oder liberalen gesellschaftspolitischen“ Positionen kombiniert werden. An anderer Stelle der Studie wird durch Zahlen in einer Tabelle belegt, dass die Kombination aus sozialen und konservativen Positionen bei der BSW-Wählerschaft überproportional vertreten war. Dies wird auch durch die zweite und noch aktuellere wissenschaftliche Studie zu dem Thema aus dem Juni 2026 auf der Grundlage von Daten aus dem Wahl-O-Mat bestätigt. Die zwei Autoren der Freien Universität Berlin und der Universität Potsdam kommen zu dem Ergebnis, dass bei den Wählern die Wahlneigung für das BSW am höchsten ist, wenn bei ihnen die politischen Vorstellungen am besten mit den wirtschaftlichen (auch sozialen), kulturellen (z.B. Begrenzung der Zuwanderung) und friedenspolitischen Forderungen des BSW übereinstimmen.

Unabhängig davon, wie viele Menschen mit diesen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Präferenzen das BSW gewählt haben, geben die Studien auch Auskunft darüber, wie groß die Gruppe mit diesen Einstellungen in der Wählerschaft insgesamt ist. In der WSI-Studie wird auf der Grundlage der Erwerbspersonenbefragung das Potential mit einem sozialen und konservativen Einstellungsprofil, welches sich dem vierten „links-konservativen“ Quadranten zuordnet, auf 15 Prozent aller Wähler geschätzt. Andere Studien, auf welche die Autoren aus der Berliner und Potsdamer Universität Bezug nehmen, gehen davon aus, dass der Gesamtanteil mit sozial-konservativen Präferenzen bei einem Fünftel beziehungsweise 20 Prozent aller Wähler liegt. Diese Anteile machen deutlich, dass es sich hier um einen relevanten Anteil der Wählerschaft handelt, insbesondere wenn es so ist, dass das BSW allein für diese Wähler ein stimmiges Angebot machen kann.

Die WSI-Studie präsentiert auch Daten, die Aufschluss geben, welche Parteien von den Wählern gewählt wurden, die sich selbst von ihrer politischen Einstellung dem vierten „links-konservativen“ Quadranten zuordnen, in dem das BSW sein Alleinstellungsmerkmal hat. Zwei Drittel beziehungsweise 66 Prozent wählten davon allein AfD (41 Prozent) oder CDU/CSU (25 Prozent). Die SPD wählten 9 Prozent. Und die Grünen, FDP und Die Linke kommen zusammen lediglich auf 11 Prozent. 

Das BSW hat bundesweit von allen Wählern 5 Prozent der Stimmen erhalten und von den Wählern mit einer sozial-konservativen Einstellung 9 Prozent. Das ist zwar ein überproportionaler Anteil, dessen einstelliger Wert aber auch zeigt, dass hier noch viel Potential ist, wenn berücksichtigt wird, dass das BSW als einzige Partei ein sozial-konservatives Profil anbietet. 

Wie kann unsere Partei diese Erkenntnisse für sich nutzen? Es liegt auf der Hand, dass wir unser Alleinstellungsmerkmal, unser soziales und konservatives Profil, möglichst stark deutlich machen sollten. Das ist sinnvoll, weil es viele Wähler gibt, die selbst ein solches Einstellungsprofil aufweisen, aber bisher einer anderen Partei ihre Stimme gaben, obwohl diese Partei bei einer der beiden bedeutenden gesellschaftlichen Konfliktlinie nicht ihre Position vertritt. Hier lässt sich argumentativ gut ansetzen. Bei der Kommunikation sollten wir berücksichtigen, dass dieses Wählerpotential bisher zu zwei Dritteln AfD oder CDU/CSU wählte. Bei dieser Gruppe ist deshalb davon auszugehen, dass ihnen konservative Positionen, wie eine restriktivere Migrationspolitik, recht wichtig sind. 

Als neue Partei ist die Etablierung eines „Markenkerns“ wichtig und keine Selbstverständlichkeit, die sich von allein einstellt. Wir brauchen ein Image, das in der Öffentlichkeit automatisch mit dem BSW verbunden wird. Die FDP gilt z.B. als „liberal“, „Die Grünen“ gelten als grün und „Die Linke“gilt als links. Das BSW ist sozial und konservativ. Die Sperrigkeit der zweidimensionalen Identität ist nicht nur hinderlich, sondern kann auch von Vorteil sein, weil unsere Identität den real vorhandenen gesellschaftlichen Konfliktlinien gerecht wird. 

Wir sollten daher als Partei unsere sozial-konservative Identität annehmen und selbstbewusst daran arbeiten, dieses Alleinstellungsmerkmal als unseren Markenkern neben unseren friedenspolitischen Positionen in der Öffentlichkeit zu etablieren.

„Gefährlich ehrlich“: Vorstellung der Wahlkampagne in Sachsen-Anhalt mit Claudia Wittig, Amira Mohamed Ali und Thomas Schulze


Quellen:

Emmler, Helge; Seikel, Daniel: „Befunde aus der WSI-Nachwahlbefragung: Die Wählerschaft des BSW bei der Bundestagswahl 2025“, WSI-Report Nr. 112, April 2026: https://www.boeckler.de/de/faust-detail.htm?sync_id=HBS-009382.

Thomeczek, Jan Philipp; Wagner, Aiko; Glinicke, Melanie: „Warum sympathisieren Menschen mit dem Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW)? Partei-Wähler:innen-Kongruenzen in Ost- und Westdeutschland“, in: „Die Bundestagswahl 2025“ (Springer), S. 1-23, Juni 2026: https://www.researchgate.net/publication/407153773_Warum_sympathisieren_Menschen_mit_dem_Bundnis_Sahra_Wagenknecht_BSW_Partei-Wahlerinnen-Kongruenzen_in_Ost-_und_Westdeutschland.


(Fotos dieser Seite: Imago/Christian Schroedter | BSW)

Eure Spende hilft!  

Für eine neue politische Kraft in Deutschland.

Eine neue Partei zu gründen, ist eine Mammutaufgabe und auch finanziell ein Kraftakt. Helft mit, indem Ihr das BSW und unser Magazin Klare Linie durch eine Spende unterstützt. 

Bei Fragen zum Thema Spenden findet Ihr in den FAQ viele nützliche Antworten. 

Bündnis Sahra Wagenknecht – Vernunft und Gerechtigkeit
Volksbank Pirna
IBAN: DE45850600001000448370
BIC: GENODEF1PR2
Verwendungszweck: Spende

Container for the embedding snippet

(Will be hidden in the published article)

Container for the dynamic page

(Will be hidden in the published article)